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Warum Berlin so gern enteignet: Die Wurzeln der Wohnungsnot

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-10-25

Die Hauptstadt leidet unter explodierenden Mieten und knappem Wohnraum. Die Forderung nach Enteignung großer Wohnungskonzerne bleibt populär – eine Analyse der Hintergründe.

**Lead**

Die Wohnungsnot in Berlin hat ein Ausmaß erreicht, das weite Teile der Gesellschaft alarmiert. Mietpreise steigen seit Jahren rasant, bezahlbarer Wohnraum wird zur Mangelware. In dieser angespannten Lage gewinnt eine Forderung immer wieder an Auftrieb: die Enteignung großer privater Wohnungsunternehmen. Der Schritt, der in Deutschland als politisches Tabu galt, wird mittlerweile selbst von Teilen der Regierungskoalition nicht mehr kategorisch ausgeschlossen. Doch woher kommt diese Bereitschaft, das Eigentumsrecht infrage zu stellen? Die Antwort liegt tief in der Berliner Geschichte und den spezifischen Bedingungen des dortigen Wohnungsmarktes.

**Contexto**

Die Berliner Wohnungspolitik ist seit Jahrzehnten von einer besonderen Dynamik geprägt. Nach dem Mauerfall erlebte die Stadt einen massiven Bevölkerungszuzug, während gleichzeitig der soziale Wohnungsbau vernachlässigt wurde. In den 2000er Jahren verkaufte das Land Berlin große Teile seines Wohnungsbestandes an private Investoren – ein Schritt, der heute als schwerer Fehler betrachtet wird. Firmen wie die Deutsche Wohnen und Vonovia wurden zu den größten Vermietern der Stadt. Gleichzeitig explodierten die Mieten, insbesondere in beliebten Innenstadtbezirken. Der Berliner Mieterverein dokumentierte einen durchschnittlichen Mietanstieg von über 30 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts.

Die soziale Entmischung der Stadtteile nahm zu. Einkommensschwächere Haushalte wurden aus den Zentren verdrängt. Diese Entwicklung schuf einen Nährboden für Proteste. Im Jahr 2021 gelang der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ ein historischer Erfolg: Ein Volksentscheid brachte eine klare Mehrheit für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin. Die Abstimmung war rechtlich nicht bindend für den Senat, aber politisch höchst symbolträchtig. Die Landesregierung unter der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) setzte daraufhin eine Expertenkommission ein, deren Abschlussbericht bis heute kontrovers diskutiert wird.

**Analise**

Die Popularität der Enteignungsforderung lässt sich nicht allein mit der Wohnungsnot erklären. Sie speist sich aus einem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber den großen Wohnungskonzernen, denen vorgeworfen wird, durch Mieterhöhungen und Modernisierungsumlagen systematisch Gewinne maximieren zu wollen. In einer Stadt, die sich als arm, aber sexy versteht, wird die wachsende soziale Ungleichheit als Bedrohung des urbanen Zusammenhalts empfunden. Enteignung wird von ihren Befürwortern nicht als Eingriff in das Eigentumsrecht, sondern als Wiederherstellung von Marktgerechtigkeit und sozialer Balance dargestellt.

Doch der Weg zur Vergesellschaftung ist rechtlich und praktisch steinig. Das Grundgesetz schützt das Eigentum, erlaubt Enteignungen nur gegen Entschädigung und zum Wohle der Allgemeinheit. Die Berliner Landesverfassung geht zwar weiter, doch die konkrete Umsetzung müsste durch den Bundestag geregelt werden. Zudem würden die Kosten für die Entschädigung der Konzerne in Milliardenhöhe den Landeshaushalt über Jahre belasten. Kritiker argumentieren, dass eine Enteignung keine neuen Wohnungen schafft, sondern lediglich den Eigentümer wechselt. Ohne gleichzeitige massive Investitionen in Neubau und soziale Infrastruktur drohe die Maßnahme wirkungslos zu verpuffen.

Dennoch bleibt die Forderung in der Berliner Bevölkerung populär. Umfragen zeigen regelmäßig eine Mehrheit für die Vergesellschaftung, vor allem unter jüngeren und einkommensschwächeren Wählern. Die politischen Parteien reagieren darauf: Die Linke macht die Umsetzung des Volksentscheids zu einem Kernthema, die SPD zeigt sich gespalten, die Grünen tendieren zu einer moderaten Position, die die Expertenempfehlungen aufgreifen will. Die CDU lehnt Enteignungen strikt ab. Die anhaltende Wohnungsnot – mit Leerstandsquoten von unter einem Prozent und Neuvertragsmieten von über 15 Euro pro Quadratmeter in zentralen Lagen – sorgt dafür, dass die Debatte nicht abebbt.

**Fontes**

Die Informationen in diesem Artikel basieren auf öffentlich zugänglichen Daten des Berliner Mietervereins, den Dokumentationen der Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ sowie den Berichten der vom Senat eingesetzten Expertenkommission zur Vergesellschaftung. Zudem wurden Berichterstattungen überregionaler Medien sowie Stellungnahmen der im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien herangezogen.

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.