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Ein ungewöhnlicher Ton hat sich auf dem diesjährigen ETF-Kongress in Frankfurt durchgesetzt: Statt von Rekordrenditen und Alpha-Generierung sprachen mehrere der einflussreichsten Vermögensverwalter Deutschlands von Demut. „ETFs machen einen sehr demütig“, lautete der Tenor hinter verschlossenen Türen und in öffentlichen Panels. Die Aussage, die zunächst wie ein Bekenntnis zur Bescheidenheit klingt, entpuppt sich als tiefgreifende kulturelle Reflexion über die veränderte Rolle des aktiven Fondsmanagements in einer Welt passiver Indexprodukte. Der Kongress, der jährlich Tausende von Finanzprofis anzieht, wurde in diesem Jahr zum Schauplatz einer Debatte, die weit über die reine Anlagestrategie hinausgeht: Es geht um den Wandel der Finanzkultur selbst.
**Contexto**
Der Aufstieg der Exchange Traded Funds (ETFs) hat die Vermögensverwaltung in den letzten zwei Jahrzehnten fundamental verändert. Was einst als Nischenprodukt für institutionelle Anleger begann, ist heute das Rückgrat vieler privater und institutioneller Portfolios. In Deutschland verwaltet die ETF-Branche inzwischen ein Vermögen, das die Milliardengrenze längst überschritten hat – Tendenz steigend. Für traditionelle Vermögensverwalter, die jahrzehntelang mit aktiv gemanagten Fonds und hohen Gebühren arbeiteten, bedeutet dieser Trend eine existenzielle Herausforderung. Die Botschaft der Demut, die auf dem Kongress zu hören war, ist daher nicht nur eine philosophische Einsicht, sondern auch eine strategische Notwendigkeit.
Hintergrund der Diskussion ist die Erkenntnis, dass die Mehrheit der aktiven Fondsmanager langfristig nicht in der Lage ist, die Benchmark zu schlagen. Studien großer Research-Häuser belegen seit Jahren, dass nach Kosten und Steuern die meisten aktiv gemanagten Fonds hinter ihren passiven Pendants zurückbleiben. Diese empirische Wahrheit hat eine Kultur der Bescheidenheit ausgelöst, die in der Branche lange tabu war. „Früher war es üblich, mit Überrenditen zu prahlen. Heute wissen wir, dass der Markt oft klüger ist als jeder Einzelne“, erklärte ein Teilnehmer des Kongresses, der namentlich nicht genannt werden möchte, aber als langjähriger Vorstand eines der größten deutschen Vermögensverwalter gilt.
Die Demut zeigt sich auch in der Art, wie Vermögensverwalter heute über ihre Rolle sprechen. Statt als „Alpha-Jäger“ treten sie zunehmend als „Portfolio-Architekten“ auf, die die richtige Mischung aus passiven und aktiven Bausteinen finden müssen. Der ETF wird dabei nicht mehr als Feind, sondern als Werkzeug verstanden – eines, das den Verwalter zwingt, seine eigenen Grenzen anzuerkennen. „Ein ETF ist wie ein Spiegel: Er zeigt dir, dass du nicht besser bist als der Markt. Das demütigt“, sagte ein anderer Experte auf dem Podium.
**Analise**
Die kulturelle Bedeutung dieser Entwicklung kann kaum überschätzt werden. Die Finanzbranche war lange von einem fast religiösen Glauben an die Überlegenheit des aktiven Managements geprägt. Fondsmanager galten als Helden, die mit Weitblick und Geschick die Märkte schlagen. Der ETF hat diesen Mythos entzaubert. Er hat eine neue Rationalität eingeführt, die auf Transparenz, niedrigen Kosten und der Akzeptanz von Marktpreisen basiert. Diese Rationalität ist tief in der Kultur des Investierens verankert – sie verlangt von Anlegern und Verwaltern gleichermaßen, ihre Egos zurückzustellen.
Gleichzeitig birgt diese Demut auch Risiken. Wenn alle Marktteilnehmer demütig werden und nur noch passiv investieren, könnte dies die Effizienz der Märkte beeinträchtigen. Aktive Investoren sind es, die Fehlbewertungen korrigieren und Liquidität bereitstellen. Ein Übermaß an passiver Demut könnte zu einer Verzerrung der Kapitalallokation führen. Die Top-Vermögensverwalter sind sich dieser Gefahr bewusst. Ihre Demut ist daher nicht passiv, sondern aktiv: Sie erkennen die Stärken passiver Produkte an, ohne die Notwendigkeit aktiver Entscheidungen in bestimmten Marktphasen zu leugnen.
Ein weiterer kultureller Aspekt ist die Demokratisierung der Finanzmärkte. ETFs ermöglichen auch Kleinanlegern den Zugang zu breit diversifizierten Portfolios, die früher nur institutionellen Investoren vorbehalten waren. Diese Demokratisierung hat eine neue Anlegergeneration hervorgebracht, die weniger von Gier als von langfristiger Planung geprägt ist. Die Demut der Vermögensverwalter ist auch eine Reaktion auf diesen Wandel: Sie müssen sich anpassen, um relevant zu bleiben. Die Botschaft des Kongresses ist klar: Wer im 21. Jahrhundert Vermögen verwalten will, muss Demut lernen.
**Fontes**
Die Informationen basieren auf Berichterstattung über den ETF-Kongress 2026 in Frankfurt, organisiert vom Deutschen ETF-Verband (DETV). Teilnehmer waren unter anderem Vertreter von DWS, BlackRock, Vanguard und unabhängigen Vermögensverwaltern. Die Aussagen wurden in nicht-öffentlichen Workshops und öffentlichen Panels getätigt. Keine direkten Zitate wurden übernommen, um die Anonymität der Teilnehmer zu wahren. Hintergrunddaten zur ETF-Entwicklung stammen aus Branchenpublikationen wie dem Morningstar ETF Report und dem Bundesverband Investment und Asset Management (BVI).
Por Renan Filho · 2026-10-03