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Die CDU arbeitet derzeit an einem neuen Grundsatzprogramm, das die soziale Marktwirtschaft mit den Prinzipien der katholischen Soziallehre verbinden soll. Parteichef Friedrich Merz hat eine Programmkommission eingesetzt, die bis zum Bundesparteitag 2026 ein Konzept vorlegen soll. Der Rückgriff auf die Soziallehre ist bemerkenswert: Sie war einst das geistige Fundament der Union in ihren Gründungsjahren, geriet aber in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend in Vergessenheit. Kann dieses alte Erfolgsrezept der Partei neue Stärke verleihen?
**Contexto**
Die katholische Soziallehre entstand im 19. Jahrhundert als Antwort auf die soziale Frage. Päpstliche Enzykliken wie Rerum Novarum (1891) und Quadragesimo Anno (1931) formulierten Prinzipien wie Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Diese Grundsätze prägten das Programm der CDU von Anfang an: Das Ahlener Programm von 1947 forderte eine Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien und eine umfassende Mitbestimmung. Auch wenn diese radikalen Forderungen später abgemildert wurden, blieb der Geist der Soziallehre in der Union lebendig.
In den 1950er Jahren prägte Ludwig Erhard die Soziale Marktwirtschaft, die als wirtschaftspolitische Umsetzung der Soziallehre galt. Die Formel „Wohlstand für alle“ verband wirtschaftliche Effizienz mit sozialem Ausgleich. Doch spätestens seit den 1990er Jahren rückte die CDU unter Helmut Kohl und später Angela Merkel stärker in Richtung wirtschaftsliberaler Positionen. Die Agenda 2010, maßgeblich von der SPD und ihrem Kanzler Gerhard Schröder vorangetrieben, wurde von der CDU weitgehend mitgetragen. Die Soziallehre geriet dabei zunehmend zur historischen Reminiszenz.
Jetzt, im Vorfeld der Bundestagswahl 2027, besinnt sich die Partei auf ihre Wurzeln. Die von Merz eingesetzte Kommission soll ein Programm erarbeiten, das „Ordnung, Freiheit und Teilhabe“ in den Mittelpunkt stellt. Intern wird darüber diskutiert, wie die Subsidiarität – also die Zuständigkeit der kleinsten Einheit vor staatlichem Handeln – konkret angewendet werden kann. Auch die Solidarität soll neu definiert werden, etwa in der Pflege- und Gesundheitspolitik. Die Soziallehre bietet hierfür einen normativen Rahmen, der über reine Klientelpolitik hinausgeht.
Besonders bemerkenswert ist die Rolle von Karl-Josef Laumann, dem Sozialflügel-Vorsitzenden der CDU und Pflegebeauftragten der Bundesregierung. Er hat mehrfach betont, dass die Soziallehre für die CDU keine „Museumsreiterei“ sei, sondern eine Orientierung für moderne Politik. Dass Merz ausgerechnet Laumann in die Kommission berufen hat, gilt als Signal nach links und in die Kirchen hinein. Zudem sucht die Partei verstärkt den Dialog mit den christlichen Kirchen, insbesondere mit der Katholischen Bischofskonferenz. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Unsicherheit soll diese ideelle Verankerung wieder Orientierung stiften.
**Analise**
Die Rückbesinnung auf die Soziallehre dürfte für die CDU nicht folgenlos bleiben. In einem Wahlkampf, der von Themen wie Migration, Klimawandel und sozialer Ungleichheit geprägt sein wird, kann ein klares Wertefundament Wähler binden. Die Soziallehre bietet konkrete Antworten: Sie stellt den Menschen in den Mittelpunkt, fordert eine gerechte Ordnung des Wirtschaftslebens und begrenzt staatliche Macht zugunsten zivilgesellschaftlicher Initiativen. Damit kann die Partei eine eigenständige Position beziehen, die sich sowohl vom marktradikalen Liberalismus der FDP als auch vom etatistischen Ansatz der Linken abgrenzt.
Chancen ergeben sich vor allem in der Sozialpolitik. Familienförderung, Pflege und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lassen sich mit den Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität stimmig begründen. Auch in der Steuerpolitik könnte die CDU Akzente setzen, indem sie Familien stärker entlastet und Leistung gerecht besteuert. Die Soziallehre verlangt zudem eine gerechte Verteilung des Wohlstands – ein Thema, das angesichts steigender Mieten und Energiekosten an Relevanz gewinnt. Wenn die Partei diese Prinzipien konkret übersetzt, könnte sie das Profil einer Volkspartei schärfen, die mehr will als reine Verwaltung.
Allerdings liegen Risiken auf der Hand. Die Soziallehre ist ein kirchlich geprägtes Konzept, das in einer zunehmend säkularen Gesellschaft nicht auf breite Zustimmung stoßen könnte. Insbesondere in Ostdeutschland, wo nur eine Minderheit der Bevölkerung kirchlich gebunden ist, muss die CDU darauf achten, die Soziallehre nicht als religiöses Sonderprogramm zu präsentieren. Die Wahrnehmung als traditionelle, katholisch geprägte Partei könnte Wähler abschrecken, die Modernität und Offenheit erwarten. Zudem ist unklar, wie die Forderungen der Soziallehre angesichts knapper Haushalte finanziert werden sollen.
Ein weiteres Problem ist die innerparteiliche Akzeptanz. Der Wirtschaftsflügel der CDU, der sich seit Jahren für eine Senkung der Unternehmenssteuern und eine Reduzierung der Sozialleistungen einsetzt, dürfte die Betonung der Soziallehre skeptisch betrachten. Ob Merz einen internen Konsens herstellen kann, ist offen – gerade weil die Partei in Sachfragen zunehmend fragmentiert. Die Kommission muss daher einen Text finden, der unterschiedliche Flügel zusammenführt.
Für die politische Wissenschaft ist die Entwicklung dennoch relevant: Sie zeigt, dass klassische christdemokratische Traditionsbestände wieder anschlussfähig werden können. In einer Zeit, in der Populisten einfache Antworten bieten, könnte die Soziallehre als Komplexitätsreduktion auftreten – auch wenn sie keine schnellen Lösungen verspricht. Ob sie der CDU tatsächlich zu neuer Stärke verhilft, wird sich letztlich an den Wahlergebnissen messen lassen.
**Fontes**
– „Ahlener Programm der CDU“, veröffentlicht 1947 (historisches Dokument) – „Rerum Novarum“ und „Quadragesimo Anno“ (päpstliche Enzykliken) – Reden und Aussagen von Karl-Josef Laumann im Rahmen der Programmdebatte – Berichterstattung der Deutschen Welle und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zur Grundsatzprogramm-Kommission – Informationen der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema katholische Soziallehre und Christdemokratie
Por Renan Filho · 2026-10-17