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Seit dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan im August 2021 sind Tausende ehemalige Übersetzer und Ortskräfte der deutschen Streitkräfte in akuter Lebensgefahr. Trotz mehrerer Evakuierungsprogramme bleiben viele von ihnen im Land zurück – ohne ausreichenden Schutz, ohne Perspektive. Der bittere Tenor unter den Betroffenen lautet: „Weil es nicht reicht.“ Die Sicherheitslücke wird von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert, sie fordern einen umfassenden Schutz der gefährdeten Personen.
**Contexto**
Die lokalen Mitarbeiter der Bundeswehr – Dolmetscher, Fahrer, Übersetzer – waren während des fast 20-jährigen Einsatzes in Afghanistan unverzichtbar. Sie riskierten ihr Leben, um deutsche Soldaten zu unterstützen. Nach dem Siegeszug der Taliban im Sommer 2021 wurden viele von ihnen sofort bedroht. Die deutsche Bundesregierung startete daraufhin das Aufnahmeprogramm für Ortskräfte, das bundesweit mehr als 10.000 Personen und deren Angehörige nach Deutschland holen sollte. Doch die Realität sieht anders aus. Anträge liegen monatelang unbearbeitet, Botschaftsmitarbeiter sind überlastet, die Kriterien sind zu eng gefasst. Immer wieder berichten Organisationen wie Amnesty International oder Pro Asyl von Fällen, in denen Familien zurückgelassen wurden, nur weil sie nicht formal unter die Definition „unmittelbar bedroht“ fielen. Laut offiziellen Angaben der Bundesregierung wurden bis August 2024 rund 7.000 Ortskräfte und Angehörige aufgenommen – doch die Dunkelziffer der noch Bedrohten liegt Schätzungen von Hilfswerken zufolge im vierstelligen Bereich. Viele von ihnen verstecken sich in wechselnden Unterkünften, sind erpressbar und jederzeit der Gefahr von Racheakten der Taliban ausgesetzt. Der Fall eines afghanischen Dolmetschers, der monatelang auf seine Ausreise wartete und dann von Talibankämpfern entführt wurde, machte Schlagzeilen. Sein Schicksal ist unbekannt. Solche Geschichten sind keine Einzelfälle.
Die Gründe für das Stocken der Evakuierung sind vielfältig. Einerseits herrscht in der deutschen Verwaltung eine überbordende Bürokratie: Jeder Fall muss einzeln geprüft werden, die Sicherheitslage vor Ort erschwert die Arbeit der Botschaftsmitarbeiter in Islamabad und Teheran, die die Aufnahme bearbeiten. Andererseits fehlt offenbar der politische Wille, die Programme zu beschleunigen. Im Jahr 2022 wurde das Aufnahmegesetz novelliert, um die Verfahren zu beschleunigen, doch die Umsetzung hinkt hinterher. Die Kritik der Opposition und von Hilfsorganisationen ist deutlich: „Es reicht nicht, wenn wir nur einen Teil der Gefährdeten retten“, erklärte ein Sprecher von Amnesty International in Berlin. Die Sicherheit der Ortskräfte ist nicht nur eine humanitäre Pflicht, sondern auch eine Frage der Glaubwürdigkeit Deutschlands als Einsatznation.
**Analise**
Die unzureichende Sicherung der afghanischen Übersetzer hat weitreichende Konsequenzen. Erstens untergräbt sie das Vertrauen lokaler Bevölkerung in internationale Missionen. Wenn künftige Konflikte anstehen – etwa in afrikanischen Krisenregionen – werden sich weniger Menschen bereit erklären, für ausländische Streitkräfte zu arbeiten, wenn sie fürchten, im Ernstfall im Stich gelassen zu werden. Zweitens zeigen die Lücken im Schutzprogramm, dass Deutschland aus den Erfahrungen des Afghanistan-Einsatzes nicht ausreichend gelernt hat. Die Bundesregierung hat zwar ein Notfallkontingent geschaffen, aber die administrativen Hürden sind nach wie vor hoch. Die „Sicherheit“ der Ortskräfte wird de facto auf dem Altar der Verfahrensökonomie geopfert. Drittens besteht die Gefahr, dass die Taliban die Bedrohung dieser Personen als Druckmittel gegen Deutschland nutzen. Bereits jetzt gibt es Berichte, wonach die islamistischen Machthaber die Namen der ehemaligen Übersetzer sammeln und als Verhandlungsmasse einsetzen.
Parallel dazu wird die humanitäre Lage in Afghanistan immer prekärer. Laut UNHCR sind über 20 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wer als ehemaliger Mitarbeiter westlicher Streitkräfte identifiziert wird, hat kaum eine Chance auf legale Arbeit oder medizinische Versorgung. Die Angst vor Entführung und Folter ist allgegenwärtig. Die deutsche Bundesregierung hat wiederholt betont, sie stehe zu ihrer Verantwortung, doch die Taten bleiben hinter den Worten zurück. Die von der Gesellschaft für bedrohte Völker vorgelegte Analyse zeigt, dass nur etwa 60 Prozent der Anträge positiv beschieden werden – der Rest wird abgelehnt, oft aus formalen Gründen. „Weil es nicht reicht“, wird zum bitteren Motto einer ganzen Generation von Übersetzern, die einst für die Sicherheit deutscher Soldaten sorgten und nun selbst Schutz benötigen.
**Quellen**
- Amnesty International, „Bedrohte Leben: Afghanische Ortskräfte in der Warteschleife“, Bericht 2023 - UNHCR, „Afghanistan: Schutzbedarf für ehemalige lokale Mitarbeiter“, Stellungnahme Oktober 2024 - Bundesregierung: Antwort auf Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Linke, Drucksache 20/12874, August 2024 - Pro Asyl, „Evakuierung afghanischer Ortskräfte: Mängel und Forderungen“, Presseerklärung 2024 - Gesellschaft für bedrohte Völker: Analyse der Aufnahmepraxis, veröffentlicht April 2024
Por Renan Filho · 2026-10-01