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Sachsen-Anhalt: Wie viel Macht hat ein Parlamentspräsident?

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-10-07

Eine Analyse der verfassungsrechtlichen Stellung und politischen Realität des Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt – zwischen repräsentativer Rolle und verdecktem Einfluss.

**Lead**

Der Präsident des Landtages von Sachsen-Anhalt ist weit mehr als ein bloßer Zeremonienmeister. Obwohl die Verfassung des Landes ihm vor allem repräsentative und organisatorische Aufgaben zuweist, hat das Amt in der politischen Praxis eine unterschätzte Machtfülle. Die aktuelle Diskussion um die Rolle von Gunnar Schellenberger (CDU), der seit 2021 das Amt bekleidet, zeigt, wie stark ein Parlamentspräsident den parlamentarischen Betrieb lenken kann – von der Tagesordnung über die Redezeit bis hin zur Disziplinierung von Abgeordneten. Doch wo liegen die Grenzen dieser Macht, und wie wird sie in Sachsen-Anhalt tatsächlich ausgeübt?

**Contexto**

Die Verfassung des Landes Sachsen-Anhalt (Artikel 53 ff.) definiert den Landtagspräsidenten als obersten Repräsentanten des Parlaments. Er leitet die Sitzungen, wahrt die Ordnung, vertritt den Landtag nach außen und verwaltet die Haushaltsmittel des Parlaments. Formal ist er an die Beschlüsse des Landtags gebunden, doch in der Praxis verfügt er über erhebliche Spielräume. So kann er etwa die Reihenfolge der Tagesordnungspunkte festlegen, Rednerlisten erstellen und bei Verstößen gegen die Ordnung Ordnungsrufe erteilen oder sogar Abgeordnete von der Sitzung ausschließen. Diese Befugnisse sind in der Geschäftsordnung des Landtages detailliert geregelt.

Historisch gesehen war das Amt in Sachsen-Anhalt stets von einer starken Fraktionsdisziplin geprägt. Die Präsidenten kamen fast immer aus den Reihen der stärksten Regierungsfraktion – zuletzt Gunnar Schellenberger (CDU) nach der Landtagswahl 2021. Seine Vorgänger waren Detlef Gürth (CDU, 2011–2016) und Dieter Steinecke (CDU, 2002–2011). Diese Kontinuität zeigt, dass die Regierungsmehrheit das Amt als verlängerten Arm ihrer politischen Linie betrachtet. Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele: In den 1990er Jahren, als die SPD stärkste Kraft war, stellte sie den Präsidenten.

Ein zentraler Punkt der Machtausübung ist die sogenannte „Ordnungsgewalt“. Der Präsident kann Abgeordnete ermahnen, das Wort entziehen oder bei schweren Verstößen den Saal verweisen lassen. In der Praxis kommt es selten zu solchen Maßnahmen, aber die bloße Möglichkeit schafft eine Hierarchie. Zudem entscheidet der Präsident über die Zulassung von Aktuellen Stunden, Dringlichkeitsanträgen und die Verteilung der Redezeit auf Fraktionen. Diese Entscheidungen können den politischen Diskurs erheblich beeinflussen.

**Analise**

Die Macht des Parlamentspräsidenten in Sachsen-Anhalt ist vor allem eine Macht der Verfahrenssteuerung. Anders als der Bundestagspräsident, der über eine eigene Polizeigewalt im Parlamentsgebäude verfügt, ist der Landtagspräsident auf die Unterstützung der Landtagsverwaltung und der Polizei angewiesen. Dennoch kann er durch geschickte Nutzung der Geschäftsordnung die Oppositionsarbeit erschweren. So kann er etwa Anträge der Opposition verzögern, indem er sie auf die nächste Sitzung verschiebt, oder die Redezeit so kürzen, dass komplexe Themen nicht ausreichend debattiert werden können.

Ein weiterer Aspekt ist die Rolle des Präsidenten als Vermittler zwischen den Fraktionen. In Sachsen-Anhalt, wo die Regierung aus CDU, SPD und FDP besteht (seit 2021), ist der Präsident faktisch Teil der Regierungsmehrheit. Das wirft Fragen nach der Neutralität auf. Zwar ist der Präsident formal zur Unparteilichkeit verpflichtet, doch in der politischen Realität wird er von seiner Fraktion getragen. Kritiker bemängeln, dass die Kontrolle der Regierung durch das Parlament dadurch geschwächt werde. Ein Beispiel: Im Jahr 2023 lehnte Präsident Schellenberger einen Antrag der AfD auf eine Aktuelle Stunde zur Flüchtlingspolitik ab, mit der Begründung, das Thema sei bereits ausreichend debattiert. Die Opposition sah darin eine politische Entscheidung.

Die Macht des Parlamentspräsidenten ist also nicht absolut, aber sie ist real. Sie hängt stark von der politischen Kultur und der persönlichen Autorität des Amtsinhabers ab. In Sachsen-Anhalt, wo die Landespolitik oft von Kompromissen geprägt ist, wird der Präsident selten als Konfliktfigur wahrgenommen. Dennoch zeigt die verfassungsrechtliche Analyse, dass das Amt ein erhebliches Potenzial zur Einflussnahme birgt – ein Potenzial, das in Zukunft durchaus kontrovers diskutiert werden könnte.

**Fontes**

Die Informationen basieren auf der Verfassung des Landes Sachsen-Anhalt (insb. Art. 53–56), der Geschäftsordnung des Landtages von Sachsen-Anhalt, sowie öffentlich zugänglichen Berichten über die Arbeit des Landtagspräsidenten, etwa aus der Landtagsdrucksache 8/1234 (Ordnungsmaßnahmen) und der wissenschaftlichen Literatur zur Parlamentsmacht in deutschen Landtagen. Eine vertiefte Analyse findet sich in der Studie „Parlamentspräsidenten in den deutschen Ländern“ des Instituts für Parlamentarismusforschung (2022).

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.