**Kontext:** Seit dem Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 hat sich das Verhältnis zwischen dem russischen Volk und der Führung unter Wladimir Putin fundamental verändert. Während die ersten Monate des Krieges noch von einer Welle patriotischer Mobilisierung begleitet waren, mehren sich inzwischen Anzeichen einer tiefen Entfremdung. Das unabhängige Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum verzeichnet einen kontinuierlichen Rückgang der Zustimmungswerte für den Präsidenten. Im September 2026 gaben nur noch 59 % der Befragten an, Putin zu vertrauen – ein deutlicher Rückgang gegenüber den über 80 % im Frühjahr 2022. Besonders auffällig ist der Stimmungswandel in den ländlichen Regionen und unter der jungen urbanen Bevölkerung, die die wirtschaftlichen Folgen der Sanktionen und die ständige Mobilisierungsdrohung unmittelbar zu spüren bekommt.
Parallel dazu steigt die Zahl derjenigen, die das Land verlassen wollen. Seit 2022 haben schätzungsweise über eine Million Russen – vor allem gut ausgebildete Fachkräfte und IT-Spezialisten – das Land verlassen. Die sogenannte „zweite Emigrationswelle“ trifft die russische Wirtschaft hart. Hinzu kommt der wachsende Unmut über die Korruption und die zunehmende Repression gegen regimekritische Stimmen. Die Tötung des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny im Februar 2024 hat die innenpolitische Repression weiter verschärft, gleichzeitig aber auch die Opposition international gestärkt. In den sozialen Netzwerken und auf Plattformen wie Telegram kursieren zunehmend regimekritische Inhalte, die von Zensurbehörden nur schwer vollständig zu unterdrücken sind.
**FORTIS Analyse:** Aus liberal-konservativer Sicht ist die Entfremdung zwischen Volk und Putin ein zwangsläufiges Resultat einer Politik, die auf staatlicher Kontrolle, Kriegswirtschaft und ideologischer Gleichschaltung basiert. Die Prinzipien des freien Marktes, der individuellen Freiheit und der Gewaltenteilung wurden in Russland systematisch untergraben. An die Stelle von Eigenverantwortung und wirtschaftlicher Dynamik trat eine bürokratische Kommandowirtschaft, die zwar kurzfristig die Rüstungsproduktion ankurbeln kann, aber langfristig die Wettbewerbsfähigkeit des Landes zerstört. Die Abhängigkeit von Rohstoffeinnahmen und die mangelnde Diversifizierung machen Russland anfällig für externe Schocks. Der Niedergang des Rubels, die Inflation von über 15 % und der Mangel an Konsumgütern treffen vor allem die unteren Einkommensschichten, während die Elite sich weiterhin bereichert. Diese Ungleichheit schürt den Frust und treibt die Entfremdung voran.
Die FORTIS-Redaktion stellt fest: Eine politische Wende ist ohne eine grundlegende Liberalisierung des Systems nicht zu erwarten. Die jüngsten regionalen Wahlen im September 2026 zeigten eine historisch niedrige Wahlbeteiligung und vereinzelte Proteste, etwa in Nowosibirsk und Jekaterinburg. Zwar ist Putin nicht unmittelbar gefährdet, da er die Sicherheitsapparate fest im Griff hat, doch die Legitimität seiner Herrschaft bröckelt. Die Entfremdung manifestiert sich auch in der zunehmenden Passivität der Bevölkerung – ein stiller Rückzug aus der öffentlichen Sphäre, der für ein autoritäres Regime auf Dauer gefährlicher ist als offene Proteste. Die wirtschaftliche Notlage zwingt immer mehr Russen zur Selbstorganisation, sei es in Form von Nachbarschaftshilfen oder Schwarzmärkten, was staatliche Kontrollmechanismen unterläuft.
Por Renan Filho · 2026-09-27