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Der mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnete Ökonom Daron Acemoglu hat in einem viel beachteten Interview die zunehmende Identitätspolitik als Katalysator gesellschaftlicher Spaltung bezeichnet. „Wo es Groll gibt, hat die Identitätspolitik die Spaltung vertieft“, sagte der Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Seine Aussage fällt in eine Zeit, in der auch in Deutschland Debatten über Migration, kulturelle Zugehörigkeit und nationale Identität die politische Landschaft prägen. Sicherheitsexperten sehen darin eine unmittelbare Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt und die öffentliche Ordnung.
**Contexto**
Daron Acemoglu, der 2024 gemeinsam mit Simon Johnson und James A. Robinson den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, hat sich in seinen Arbeiten immer wieder mit den Ursachen von Ungleichheit und institutionellem Verfall beschäftigt. In seinem Buch „Why Nations Fail“ argumentiert er, dass inklusive Institutionen Wohlstand und Stabilität fördern, während extraktive Institutionen Konflikte schüren. In aktuellen Äußerungen wendet er dieses Raster auf die Identitätspolitik an: Sie lenke von strukturellen Problemen ab und verstärke Ressentiments, anstatt sie zu adressieren.
In Deutschland haben die Themen Identität und Zugehörigkeit in den letzten Jahren an Schärfe gewonnen. Die Debatte um den sogenannten „Kampfbegriff“ der Leitkultur, die Diskussion über die doppelte Staatsbürgerschaft und die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus nach dem 7. Oktober 2023 zeigen, wie schnell kulturelle und ethnische Zuschreibungen zu gesellschaftlichen Konfliktlinien werden. Sicherheitsbehörden wie das Bundeskriminalamt (BKA) beobachten einen Anstieg politisch motivierter Straftaten, die häufig auf identitäre Motive zurückgehen – sowohl von rechts als auch von links.
Acemoglu selbst hat in Interviews darauf hingewiesen, dass Identitätspolitik dort besonders gefährlich sei, wo bereits wirtschaftliche Verwerfungen und soziale Abstiegsängste bestehen. „Wenn Menschen das Gefühl haben, dass die etablierten Institutionen sie im Stich lassen, suchen sie Halt in exklusiven Identitäten“, sagte er. Dies führe zu einer Fragmentierung der Gesellschaft, in der Gruppen gegeneinander ausgespielt würden. Der Ökonom warnt davor, dass diese Dynamik autoritäre Tendenzen begünstige – ein Befund, der auch für die Sicherheitslage in Deutschland relevant ist.
**Analise**
Die Warnung Acemoglus ist für die Sicherheitspolitik in Deutschland von unmittelbarer Bedeutung. Wenn Identitätspolitik die Spaltung vertieft, entstehen Nährböden für Radikalisierung. Extremistische Gruppen – ob islamistisch, rechtsextrem oder linksextrem – nutzen identitäre Narrative, um Anhänger zu rekrutieren. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die „völkisch-nationalistische“ Ideologie der Neuen Rechten und die identitäre Aufladung des Islamismus vergleichbare Mechanismen der Feindbildkonstruktion nutzen. Beide Strömungen berufen sich auf eine vermeintlich bedrohte kollektive Identität und rechtfertigen Gewalt als Verteidigung.
Ein konkreter Fall ist die gestiegene Zahl von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte und Politiker, die für eine offene Migrationspolitik eintreten. Die Täter rechtfertigen ihre Taten oft mit dem Schutz der „deutschen Identität“. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, die eigene Kultur werde durch Zuwanderung bedroht. Acemoglu würde diese Wahrnehmung nicht einfach als irrational abtun, sondern als Folge einer Politik, die es versäumt habe, wirtschaftliche Chancen und soziale Teilhabe für alle zu schaffen. Stattdessen würden kulturelle Konflikte politisch instrumentalisiert.
Die Sicherheitsarchitektur in Deutschland steht vor der Herausforderung, diese identitären Spannungen nicht nur zu überwachen, sondern auch zu entschärfen. Präventionsprogramme gegen Extremismus setzen zunehmend auf Dialog und die Förderung von Gemeinsamkeiten über Gruppengrenzen hinweg. Doch Acemoglu macht deutlich, dass dies nicht ausreicht, solange die zugrunde liegenden ökonomischen Ungleichheiten bestehen bleiben. „Identitätspolitik ist ein Symptom, nicht die Ursache“, betont er. Die Ursache sei der Verlust des Vertrauens in die Fähigkeit des Staates, für alle Bürger gleichermaßen zu sorgen.
**Fontes**
Die Aussagen Acemoglus basieren auf einem Interview, das er der Wochenzeitung „Die Zeit“ im Oktober 2025 gab, sowie auf seinen öffentlichen Vorträgen an der Universität Bonn im Rahmen der Nobelpreiswoche. Weitere Quellen sind seine wissenschaftlichen Publikationen, insbesondere „Why Nations Fail“ (2012) und „The Narrow Corridor“ (2019), beide gemeinsam mit James A. Robinson verfasst. Für die deutsche Sicherheitslage wurden Daten des Bundeskriminalamts (BKA) zum politisch motivierten Extremismus sowie Berichte des Bundesamts für Verfassungsschutz herangezogen. Die Analyse stützt sich zudem auf Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM).
Por Renan Filho · 2026-11-06