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Nobelpreisträger Acemoglu warnt: Identitätspolitik vertieft Spaltung in Deutschland

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-11-06

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu sieht in der Identitätspolitik eine treibende Kraft für gesellschaftliche Polarisierung – besonders dort, wo bereits Groll und wirtschaftliche Ungleichheit bestehen. Seine Analyse trifft auf Deutschland mit besonderer Schärfe.

**Lead**

Der renommierte Ökonom und Nobelpreisträger Daron Acemoglu hat in einem aktuellen Meinungsbeitrag die wachsende gesellschaftliche Spaltung durch Identitätspolitik kritisiert. „Wo es Groll gibt, hat die Identitätspolitik die Spaltung vertieft“, schreibt der MIT-Professor. Seine Aussage gewinnt in Deutschland an Brisanz, wo Debatten über Migration, Geschlechtergerechtigkeit und historische Schuld zunehmend von identitären Zuschreibungen geprägt sind. Acemoglu, der 2024 gemeinsam mit Simon Johnson und James A. Robinson den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, warnt davor, dass identitätspolitische Ansätze oft die zugrunde liegenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme überdecken.

**Contexto**

Acemoglu hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder zu den Gefahren einer überbordenden Identitätspolitik geäußert. In seinem Buch „Why Nations Fail“ (gemeinsam mit James A. Robinson) argumentiert er, dass inklusive Institutionen – also solche, die breite Teilhabe ermöglichen – der Schlüssel zu Wohlstand und Stabilität sind. Identitätspolitik, so Acemoglu, könne diese Inklusivität untergraben, indem sie Gruppen gegeneinander aufbringe und von strukturellen Reformen ablenke.

In Deutschland hat die Identitätspolitik in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Debatten um Rassismus, Antisemitismus, Gender-Sprache und postkoloniale Kritik haben die öffentliche Diskussion stark geprägt. Gleichzeitig zeigen Umfragen eine zunehmende Polarisierung: Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung (2023) fühlen sich viele Bürger von der Politik nicht mehr repräsentiert, während die Zustimmung zu populistischen Parteien wächst. Acemoglu sieht hier einen direkten Zusammenhang: Wo wirtschaftliche Abstiegsängste und soziale Ungerechtigkeit herrschen, werde Identitätspolitik oft als Ersatzhandlung genutzt, anstatt die eigentlichen Ursachen anzugehen.

Der Ökonom verweist auf internationale Beispiele: In den USA habe die Betonung von Rassen- und Geschlechteridentitäten die Arbeiterklasse gespalten und den Aufstieg von Donald Trump begünstigt. In Deutschland, so lässt sich seine Analyse übertragen, könne eine ähnliche Dynamik die Spaltung zwischen Ost und West, zwischen Stadt und Land sowie zwischen Einheimischen und Migranten vertiefen. Besonders brisant: Die Debatte um die deutsche Erinnerungskultur werde zunehmend von identitären Positionen überlagert, die eine offene Auseinandersetzung mit der Geschichte erschwerten.

**Analise**

Acemoglus Kritik ist nicht neu, aber sie gewinnt durch seine Autorität als Wirtschaftsnobelpreisträger an Gewicht. Seine Argumentation basiert auf der Beobachtung, dass Identitätspolitik oft von Eliten vorangetrieben wird, während die materielle Basis der Ungleichheit vernachlässigt bleibt. In Deutschland zeigt sich dies etwa in der Debatte um die „Critical Whiteness“: Während akademische Zirkel über sprachliche Mikroaggressionen diskutieren, kämpfen viele Menschen in strukturschwachen Regionen mit steigenden Mieten, unsicheren Arbeitsverhältnissen und mangelnder öffentlicher Infrastruktur. Die Folge: Ein Gefühl der Vernachlässigung, das rechtspopulistische Kräfte gezielt für sich nutzen.

Gleichzeitig wäre es ein Fehler, Identitätspolitik pauschal zu verdammen. Acemoglu selbst betont, dass die Anerkennung von Diskriminierung wichtig sei – nur dürfe sie nicht zum alleinigen politischen Programm werden. In Deutschland haben identitätspolitische Bewegungen wie Black Lives Matter oder die LGBTQ+-Community durchaus zu mehr Sichtbarkeit und rechtlichen Verbesserungen beigetragen. Die Gefahr liege jedoch in der Radikalisierung: Wenn jede Kritik an identitätspolitischen Forderungen sofort als feindselig abgestempelt werde, leide der demokratische Diskurs.

Die aktuelle politische Lage in Deutschland unterstreicht Acemoglus Warnung. Die Ampelkoalition ringt mit einem Haushaltsstreit, während die AfD in Umfragen auf Rekordwerte steigt. Viele Wähler fühlen sich von den etablierten Parteien nicht mehr angesprochen – ein Nährboden für Polarisierung. Acemoglu würde wohl argumentieren, dass eine Politik, die sich auf Identitätsfragen konzentriert, an den eigentlichen Problemen vorbeigeht: der wachsenden Ungleichheit, der Digitalisierung und der Klimakrise. Stattdessen brauche es eine inklusive Wirtschaftspolitik, die allen Gesellschaftsgruppen Perspektiven biete.

**Fontes**

Die Analyse stützt sich auf öffentliche Äußerungen von Daron Acemoglu, insbesondere auf seinen Meinungsbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (November 2026) sowie auf seine früheren Arbeiten, darunter das gemeinsam mit James A. Robinson verfasste Buch „Why Nations Fail“ (2012). Zudem wurden Berichte der Bertelsmann Stiftung zur gesellschaftlichen Polarisierung in Deutschland (2023) sowie aktuelle Umfragen zur Wahlabsicht (Forschungsgruppe Wahlen, November 2026) herangezogen. Die Interpretation der deutschen Debatte erfolgt auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen und Expertenkommentare.

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.