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Neurodermitis-Therapie: Cortison wird zu Unrecht verteufelt – Experten fordern Aufklärung

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-10-20

Trotz jahrzehntelanger klinischer Erfahrung und wissenschaftlicher Belege bleibt die Behandlung mit Kortikosteroiden bei Neurodermitis von Ängsten und Fehlinformationen belastet. Deutsche Dermatologen warnen vor den Folgen der Cortison-Phobie.

**Lead**

In Deutschland leidet etwa jeder zehnte Mensch an Neurodermitis (atopische Dermatitis), einer chronisch-entzündlichen Hauterkrankung, die mit quälendem Juckreiz, Rötungen und offenen Hautstellen einhergeht. Die wirksamste und am besten untersuchte Akuttherapie sind topische Kortikosteroide – also cortisonhaltige Salben und Cremes. Doch immer mehr Patientinnen und Patienten lehnen diese Behandlung ab, aus Angst vor Nebenwirkungen wie Hautverdünnung, Gewichtszunahme oder Hormonstörungen. Dermatologen in ganz Deutschland schlagen Alarm: „Cortison wird zu Unrecht verteufelt“, heißt es aus der Fachwelt. Viele Betroffene griffen stattdessen zu unwirksamen oder gar gefährlichen Alternativen, mit der Folge von Therapieversagen und Verschlechterung des Krankheitsbildes.

**Context**

Neurodermitis ist eine der häufigsten Hauterkrankungen in Industrienationen. Nach Schätzungen des Deutschen Neurodermitis Bundes (DNB) sind rund 12 Prozent aller Kinder und etwa 3 Prozent der Erwachsenen betroffen. Die Erkrankung verläuft schubweise und kann die Lebensqualität massiv beeinträchtigen – von Schlafstörungen über soziale Stigmatisierung bis hin zu psychischen Belastungen. Die Ursachen sind komplex: eine gestörte Hautbarriere, Fehlregulation des Immunsystems und genetische Faktoren spielen zusammen.

Die Standardtherapie besteht aus Basispflege zur Wiederherstellung der Hautbarriere sowie entzündungshemmenden Medikamenten in akuten Schüben. Topische Kortikosteroide sind dabei seit den 1950er Jahren das Mittel der ersten Wahl. Sie wirken schnell, zuverlässig und sind in verschiedenen Stärken erhältlich – abgestimmt auf Alter, Hautregion und Schweregrad. Dennoch ist die Verunsicherung groß. Zahlreiche Patientenforen, soziale Medien und alternative Gesundheitsratgeber verbreiten die Botschaft, Cortison sei „Gift für die Haut“ und führe unweigerlich zu Abhängigkeit oder irreversiblen Schäden.

Gleichzeitig haben nicht verschreibungspflichtige Alternativen wie basenüberschüssige Salben, kolloidales Silber oder vermeintliche „biologische“ Cremes Hochkonjunktur. Viele dieser Produkte sind entweder wirkungslos oder enthalten selbst problematische Inhaltsstoffe. In besonders schweren Fällen kommt es durch die Verzögerung einer adäquaten Behandlung zu sekundären Hautinfektionen, Krankenhausaufenthalten oder einer Generalisierung des Ekzems.

**Analyse**

Die Cortison-Phobie ist kein isoliertes deutsches Phänomen, sondern international dokumentiert. Eine Studie des Universitätsklinikums Heidelberg zeigte, dass über 40 Prozent der Neurodermitis-Patienten kortisonhaltige Präparate aus Sorge vor Nebenwirkungen zumindest zeitweise nicht wie verordnet anwenden. Dabei sind die tatsächlichen Risiken bei sachgemäßer Anwendung äußerst gering. Moderne Kortikosteroide der neueren Generation haben ein verbessertes Nutzen-Risiko-Profil. Lokale Nebenwirkungen wie Hautatrophie treten vor allem bei langfristiger, hochdosierter Anwendung ohne ärztliche Begleitung auf – eine Praxis, die in der dermatologischen Leitlinie explizit vermieden wird.

Fachgesellschaften wie die Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG) betonen, dass eine zeitlich begrenzte, stets ärztlich kontrollierte Kortisontherapie sicher ist und therapeutisch unverzichtbar bleibt. Das eigentliche Problem sei die mangelnde Aufklärung. Viele Patienten erhielten von ihrem Hautarzt keine ausführliche Erklärung über die korrekte Anwendung, Wirkweise und mögliche Risiken. Zudem werde der Begriff „Cortison“ häufig mit Systemtherapie (Tabletten oder Spritzen) verwechselt, obwohl die topische Anwendung kaum systemische Wirkungen hat.

Die Folge dieser Fehleinschätzung ist ein Teufelskreis: Wer Cortison meidet, erlebt häufiger und schwerere Schübe. Die entzündete Haut juckt stärker, die Schlafqualität sinkt, Stress steigt – und damit auch die Entzündungsaktivität. Irgendwann suchen viele Betroffene doch wieder ärztliche Hilfe, dann oft mit einem fortgeschrittenen Befund, der höhere Wirkstoffstärken oder sogar systemische Immunsuppressiva nötig macht. Genau diese Eskalation soll durch den frühzeitigen, gezielten Einsatz von topischen Kortikosteroiden verhindert werden.

**Fontes**

Deutscher Neurodermitis Bund e.V. (DNB), Informationsseite zur Therapie der atopischen Dermatitis. Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG), Leitlinie Neurodermitis (Stand 2023). Universitätsklinikum Heidelberg, Studie zur Adhärenz bei topischen Kortikosteroiden (veröffentlicht im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft). Ärzteblatt, Artikel „Cortison-Phobie bei Neurodermitis-Patienten“ (2022).

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.