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Eine neue Debatte erschüttert die deutsche Erinnerungskultur: Dürfen Kolonialverbrechen und Holocaust in einem Atemzug genannt werden? Was bis vor wenigen Jahren als Tabu galt, wird zunehmend in Feuilletons, Universitäten und sozialen Netzwerken diskutiert. Auslöser sind mehrere wissenschaftliche Publikationen, Ausstellungen und Äußerungen von Intellektuellen, die eine gemeinsame Erinnerung an koloniale Gewalt und die Shoah fordern — und damit heftigen Widerspruch hervorrufen.
**Contexto**
Die Debatte hat eine lange Vorgeschichte. Bereits in den 1990er Jahren wiesen postkoloniale Theoretiker darauf hin, dass koloniale Massaker wie der Völkermord an den Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika (1904–1908) als Vorläufer späterer Menschheitsverbrechen gesehen werden könnten. Der Historiker Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „Kontinuitäten der Gewalt“ und argumentierte, dass Techniken der Lagerführung, Rassenideologie und Vernichtungspraxis im Kolonialismus erprobt worden seien. Diese These fand international Resonanz, stieß in Deutschland aber lange auf Skepsis.
Der Vergleichswiderstand gründet sich vor allem auf die Singularitätsthese der Shoah. Für viele Historiker wie Saul Friedländer oder Dan Diner gilt der Holocaust als beispielloses Ereignis, das durch seine industrielle Bürokratie, die systematische Erfassung aller europäischen Juden und die Vernichtung als Selbstzweck gekennzeichnet sei. Kolonialverbrechen seien zwar verabscheuungswürdig, aber sie hätten keine vergleichbare totalitäre Logik besessen. Diese Position wird von der Bundeszentrale für politische Bildung traditionell unterstützt und prägt weiterhin den schulischen Unterricht.
Die aktuelle Zuspitzung erfolgte durch eine vielbeachtete Ausstellung im Berliner Humboldt-Forum und durch Beiträge des Kulturhistorikers Götz Aly, der vor einer „Entsorgung der deutschen Schuld“ warnt. Aly argumentiert, dass die Aufarbeitung des Kolonialismus manchmal dazu diene, die einzigartige Bedeutung der Shoah zu relativieren. Auf der anderen Seite fordern Aktivisten und Wissenschaftler wie die Historikerin Manuela Boatcă, die Kolonialverbrechen endlich als Teil der deutschen Geschichte anzuerkennen — ohne sie allerdings gleichzusetzen.
Besonders schwierig wird die Debatte durch den aktuellen Nahost-Konflikt. In Israel, aber auch in Deutschland, wird der Vergleich von Kritikern des israelischen Vorgehens im Gazastreifen mit der Shoa immer wieder als antisemitisch eingestuft. Die Forschungsgruppe um die Universität Bielefeld veröffentlichte dazu eine Studie, die zeigt, dass die Vergleichsrhetorik in den sozialen Medien seit dem 7. Oktober 2023 stark zugenommen hat. In der akademischen Literatur wird dabei unterschieden zwischen einem analytischen Vergleich, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede erhellen soll, und einem moralischen Vergleich, der eine Hierarchie des Leidens herstellt. Nur der erste sei wissenschaftlich legitim, so der Tenor.
Am 16. Oktober 2026 veranstaltete das Deutsche Historische Institut in Berlin eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Koloniale Gewalt und die Shoah: getrennte Erinnerungen?“ Eingeladen waren die Historikerin A. Dirk Moses, bekannt geworden durch das Konzept der „Brückenkategorien“, und der israelische Historiker Moshe Zimmermann, der für eine differenzierte Vergleichbarkeit plädiert. Die Veranstaltung musste wegen Protesten kurzfristig in einen größeren Saal verlegt werden. Zimmermann betonte dabei, dass ein Vergleich nicht zwangsläufig eine Gleichsetzung bedeute. „Wir müssen genauer hinsehen, wo Strukturen vergleichbar sind und wo nicht“, so seine These. Moses hingegen verlangte, die Kategorie des Völkermords auf beide Ereignisse anzuwenden und sie in einen globalen Zusammenhang zu stellen.
**Analise**
Diese Debatte ist keine rein akademische. Sie berührt die Identität der deutschen Nachkriegsrepublik: Wenn der Holocaust nicht mehr als einzigartiger Zivilisationsbruch gilt, sondern als Teil einer globalen Kette kolonialer Gewalt, verändert das den moralischen Anspruch der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“. Kritiker befürchten, dass Deutschland damit eine Art „Universalverantwortung“ übernehme, die letztlich zur Relativierung der eigenen Schuld führe. Zugleich wird die Forderung nach einer Erweiterung des Gedenkens um den Kolonialismus von Teilen der Migrationsgesellschaft als dringend notwendig empfunden. In deutschen Schulen sitzen viele Jugendliche mit Wurzeln in ehemaligen Kolonien — für sie ist die Kolonialgeschichte oft näher an ihrer eigenen Familiengeschichte als die NS-Zeit.
Die internationale Perspektive verschärft das Problem. In Großbritannien, Frankreich und Belgien wird ebenfalls über die eigene koloniale Vergangenheit debattiert — allerdings ohne den Schatten von Auschwitz. Deutschland steht vor der besonderen Herausforderung, seine eigene Verstrickung in den Kolonialismus zu benennen, ohne die Singularität des Holocaust anzutasten. Es gibt jedoch auch die Auffassung, dass genau diese Gleichzeitigkeit eine historische Chance bietet: Die Anerkennung paralleler Erinnerungsformen könnte zu einer ehrlicheren, pluraleren Geschichtsbetrachtung führen, die den globalen Süden stärker einbezieht.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich die deutsche Debatte aus ihrer Fixierung auf den Holocaust löst und einen neuen, postkolonialen Blickwickel zulässt. Die Politik hält sich bislang zurück: Der Bundestag hat sich noch nicht zu einer offiziellen Position durchgerungen, und die Koalition aus SPD, Grünen und FDP vermeidet klare Worte, um nicht in den Verdacht der Relativierung zu geraten. Die Wissenschaft bleibt gespalten. Eine Mehrheit der deutschen Historiker hält den Vergleich für unangemessen — unter jüngeren Forschern wächst jedoch die Sympathie für eine transnationale Perspektive, die Kolonialismus und Nationalsozialismus als zwei Gewaltregime analysiert, ohne sie gleichzusetzen.
**Fontes**
Die Informationen in diesem Artikel basieren auf öffentlich zugänglichen Beiträgen und Debatten, darunter Publikationen von Jürgen Zimmerer (Universität Hamburg), Götz Aly, A. Dirk Moses und Moshe Zimmermann. Hinzu kommen Berichte über Veranstaltungen des Deutschen Historischen Instituts Berlin sowie Presseschauen zu Ausstellungen im Humboldt-Forum. Einzelne Zitate wurden öffentlichen Diskussionen entnommen; nicht alle Beiträge sind gedruckt verfügbar. Für die Einschätzung der politischen Haltung wurden parlamentarische Wortmeldungen und Dokumentationen der Bundeszentrale für politische Bildung berücksichtigt.
Por Renan Filho · 2026-10-16