**Lead**
Der Historiker Bernd Roeck, bekannt für seine Arbeiten zur Frühen Neuzeit, bezeichnet Albrecht von Wallenstein in einem aktuellen Interview als „geschickten Gewaltunternehmer“. Der Feldherr des Dreißigjährigen Krieges, der von 1583 bis 1634 lebte, wird damit aus einer ungewohnten Perspektive betrachtet: nicht als reiner Militärstratege, sondern als Organisator von Gewaltmitteln, der seine Armee wie ein Unternehmen führte. Die Äußerung hat in Fachkreisen Debatten über die wirtschaftlichen Grundlagen frühneuzeitlicher Kriege ausgelöst.
**Contexto**
Albrecht Wenzel Eusebius von Wallenstein war einer der einflussreichsten Feldherren des Dreißigjährigen Krieges. Er stellte dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Ferdinand II., ab 1625 ein eigenes Heer zur Verfügung – finanziert nicht aus der kaiserlichen Kasse, sondern durch Kredite, Kontributionen und Beutezüge. Roeck argumentiert, dass Wallenstein damit ein Geschäftsmodell schuf, das auf der systematischen Ausbeutung von Kriegsgebieten beruhte. Diese Praxis, die man heute als „Gewaltökonomie“ bezeichnen würde, machte ihn nicht nur zu einem militärischen, sondern auch zu einem wirtschaftlichen Akteur.
Wallenstein erhielt 1625 den Titel eines Herzogs von Friedland, später die Herzogtümer Sagan und Mecklenburg. Er baute ein immenses Vermögen auf, das es ihm erlaubte, bis zu 100.000 Soldaten zu bezahlen und auszurüsten. Sein Untergang begann, als der Kaiser ihn 1630 entließ, nachdem Wallenstein eigenmächtige Friedensverhandlungen geführt hatte. Nach seiner Wiedereinsetzung 1632 wurde er 1634 in Eger ermordet – aus Furcht vor seinem Machtzuwachs.
Roecks Einschätzung fügt sich in eine neuere historische Forschung ein, die Kriege nicht nur als Staatenkonflikte, sondern auch als sozioökonomische Phänomene analysiert. Ähnliche Arbeiten gibt es etwa von dem Historiker Peter H. Wilson, der den Dreißigjährigen Krieg als „Krieg der Gewaltunternehmer“ beschrieb. Der Begriff „Gewaltunternehmer“ stammt ursprünglich von der Soziologin Trutz von Trotha und wurde von Militärhistorikern adaptiert.
**Analise**
Die Bezeichnung Wallensteins als „Gewaltunternehmer“ ist nicht nur eine akademische Wortwahl, sondern berührt grundlegende Fragen über das Verhältnis von Krieg und Wirtschaft. Im 17. Jahrhundert waren Staaten oft nicht in der Lage, stehende Heere zu finanzieren. Private Militärunternehmer traten in diese Lücke – Wallenstein war der erfolgreichste unter ihnen. Seine Fähigkeit, Kredite von Bankiers wie Hans de Witte zu beschaffen und Landstriche systematisch zu plündern, machte ihn zu einer Art Frühform des modernen Kriegsunternehmers.
Diese Perspektive hilft, Wallensteins Handlungen besser zu verstehen: Seine häufigen politischen Alleingänge, seine Geheimverhandlungen mit Feinden und seine Weigerung, dem Kaiser blind zu gehorchen, waren nicht nur persönliche Machtgier, sondern Teil eines kalkulierten Geschäftsrisikos. Roeck weist darauf hin, dass Wallenstein den Krieg nicht als Mittel zur politischen Einigung, sondern als Selbstzweck betrieb – die Fortsetzung des Krieges sicherte seine Einkünfte. Diese Interpretation relativiert das Bild des „tragischen Feldherrn“ und stellt ihn in eine Reihe mit späteren Söldnerunternehmern.
Die Debatte hat auch Relevanz für gegenwärtige Konflikte, in denen private Militärfirmen und Gewaltakteure ohne staatliche Kontrolle agieren. Roecks Interview bietet einen historischen Ankerpunkt, um die Funktionsweise solcher Unternehmungen zu verstehen: Sie sind kein modernes Phänomen, sondern wurzeln tief in der europäischen Geschichte. Es geht nicht um eine moralische Verurteilung Wallensteins, sondern um die nüchterne Analyse seiner Methoden, die aus heutiger Sicht erschreckend modern wirken.
**Fontes**
Das Interview mit Bernd Roeck wurde in der historischen Fachzeitschrift „Zeitschrift für Historische Forschung“ sowie in der Tageszeitung „Süddeutsche Zeitung“ im Oktober 2026 veröffentlicht. Roeck ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Zürich und Autor mehrerer Standardwerke zur Frühen Neuzeit, darunter „Geschichte der Welt: 1350–1750“. Die genannten historischen Fakten zu Wallenstein beruhen auf den Arbeiten von Golo Mann („Wallenstein“, 1971) und Peter H. Wilson („Der Dreißigjährige Krieg: Eine europäische Tragödie“, 2009).
Por Renan Filho · 2026-10-18