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Grüne und Pazifismus: Wie wir Grünen uns vom Fundamentalpazifismus lossagten

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-10-17

Die Grünen haben einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen: Vom bedingungslosen Pazifismus hin zu einer differenzierten Sicherheitspolitik. Ein Kommentar über den Abschied vom Fundamentalpazifismus in Deutschland.

**Lead**

Die Grünen haben sich in den vergangenen Jahren von ihrem fundamentalpazifistischen Erbe verabschiedet. Was über Jahrzehnte als identitätsstiftend galt – die bedingungslose Ablehnung militärischer Gewalt – wurde spätestens mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine einer harten Realitätsprüfung unterzogen. Der Wandel ist tiefgreifend und betrifft das Selbstverständnis der Partei bis heute.

**Contexto**

Die Wurzeln des Pazifismus in der grünen Bewegung reichen bis in die Friedensbewegung der 1980er-Jahre zurück. Aus dem Widerstand gegen den NATO-Doppelbeschluss und die Stationierung von Pershing-Raketen entstand eine Partei, die Militärpolitik grundsätzlich kritisch gegenüberstand. Der legendäre Satz „Nie wieder Krieg“ war für viele Grüne nicht nur eine historische Lehre aus dem Nationalsozialismus, sondern ein absolutes politisches Prinzip.

Der Bruch vollzog sich schrittweise. Bereits der Kosovo-Einsatz 1999 unter Bundesaußenminister Joschka Fischer markierte eine Zäsur: Zum ersten Mal beteiligte sich Deutschland an einem Kriegseinsatz, und ausgerechnet die Grünen trugen diese Entscheidung mit. Fischer rechtfertigte den Einsatz mit der Verhinderung eines Völkermords – eine Argumentation, die innerhalb der Partei tiefe Wunden hinterließ. Dieser Präzedenzfall ebnete den Weg für spätere militärische Engagements, etwa in Afghanistan, wo die Bundeswehr unter grüner Beteiligung eingesetzt wurde.

Der eigentliche Paradigmenwechsel erfolgte jedoch mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022. Die von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene Zeitenwende veränderte die sicherheitspolitische Debatte grundlegend. Die Grünen, allen voran Außenministerin Annalena Baerbock und Wirtschaftsminister Robert Habeck, wurden zu treibenden Kräften einer neuen Sicherheitspolitik. Die Partei stimmte nicht nur der Lieferung von Waffen an die Ukraine zu, sondern auch der Aufstockung des deutschen Verteidigungshaushalts um 100 Milliarden Euro. Dies war der endgültige Bruch mit dem Fundamentalpazifismus, der lange als unverrückbare Konstante der Partei galt.

**Analise**

Der Abschied vom Fundamentalpazifismus ist mehr als eine politische Kurskorrektur – er ist Ausdruck eines generationellen und inhaltlichen Wandels. Die heutige Führungsriege der Grünen, geprägt von der Erfahrung internationaler Krisen und Konflikte, hat erkannt, dass eine reine Verweigerungshaltung in einer Welt voller autoritärer Bedrohungen keine angemessene Antwort ist. Die Unterstützung für die Ukraine folgt nicht einem militaristischen Reflex, sondern einer humanitären Logik: Wer völkerrechtswidrig angegriffen wird, darf auf Verteidigung bauen – auch mit Waffen.

Gleichzeitig bleibt dieser Kurs innerhalb der Partei nicht unumstritten. Vor allem die Friedensbewegung und Teile der grünen Basis sehen in der Waffenlieferung einen Verrat an den eigenen Werten. Beim Bundesparteitag 2023 in Berlin kam es zu offenen Debatten, bei denen die Realpolitiker um Baerbock und Habeck sich letztlich durchsetzten. Die Kritik verstummte jedoch nicht – sie richtet sich nun gegen die Art der militärischen Unterstützung und die mangelnde diplomatische Initiative. Der Spagat zwischen militärischer Stärke und diplomatischer Friedenssuche ist für die Grünen eine neue Zerreißprobe.

Dieser Wandel hat über die Partei hinaus Bedeutung. Die Grünen gelten weltweit als Vorbild für ökologische Parteien. Ihre sicherheitspolitische Positionierung könnte Signalwirkung haben: Sie zeigt, dass grüne Politik nicht automatisch mit Pazifismus gleichzusetzen ist, sondern mit einer wertgebundenen Außen- und Sicherheitspolitik. In Deutschland trägt dieser Kurs dazu bei, die sicherheitspolitische Kultur des Landes zu verändern – weg von einer reinen Zivilmacht hin zu einer verantwortungsvollen Mittelmacht mit militärischer Komponente.

**Fontes**

Die Informationen basieren auf öffentlich dokumentierten Debatten im Deutschen Bundestag und auf dem Bundesparteitag von Bündnis 90/Die Grünen 2023 in Berlin. Zudem wurden Reden und Äußerungen von Annalena Baerbock und Robert Habeck zur Zeitenwende berücksichtigt, die in verschiedenen Medien sowie über die offiziellen Kanäle der Bundesregierung und der Bundestagsfraktion der Grünen zugänglich sind. Historische Entwicklungen des Kosovo-Einsatzes wurden anhand der dokumentierten Regierungserklärung von Bundesaußenminister Joschka Fischer vom 24. März 1999 vor dem Deutschen Bundestag eingeordnet.

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.