**Lead**
Die Bundesversammlung tritt im Februar 2027 zusammen, um das nächste Staatsoberhaupt Deutschlands zu wählen. Während die Debatte oft um das parteipolitische Taktieren kreist, fordert die Wissenschaft eine grundsätzlich andere Herangehensweise: ein größeres Denken, das die Wahl nicht nur als politische Personalie, sondern als Chance für eine zukunftsorientierte, evidenzbasierte Führung begreift. Denn der Bundespräsident ist nicht nur ein moralisches Gewissen der Nation, sondern auch ein Botschafter für wissenschaftliche Vernunft in einer Zeit globaler Krisen.
**Contexto**
Das Amt des Bundespräsidenten ist traditionell überparteilich ausgerichtet. Gewählt wird er von der Bundesversammlung, die sich aus allen Bundestagsabgeordneten und einer gleichen Anzahl von Ländervertretern zusammensetzt. Die letzte Wahl fand 2022 statt, als Frank-Walter Steinmeier im Amt bestätigt wurde. Da seine zweite Amtszeit 2027 endet, steht eine Neuwahl an oder eine mögliche dritte Kandidatur, die jedoch im Grundgesetz nicht ausgeschlossen ist, aber unüblich wäre.
Historisch gesehen haben Bundespräsidenten wie Gustav Heinemann („Wir sind nicht die Belehrenden, sondern die Lernenden“) oder Richard von Weizsäcker mit Reden zur Einheit und zur Vergangenheitsbewältigung Maßstäbe gesetzt. Doch in einer Ära von Klimakrise, Digitalisierung und Pandemiebekämpfung wird die Rolle des Präsidenten noch wichtiger: Er kann Diskurse anstoßen, wissenschaftliche Evidenz in die öffentliche Debatte einbringen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.
Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Bevölkerung zunehmend Wert auf wissenschaftliche Kompetenz bei politischen Führungspersönlichkeiten legt. Daher stellt sich die Frage: Sollte der nächste Bundespräsident nicht selbst eine wissenschaftliche Expertise mitbringen – oder zumindest ein klares Bekenntnis zu wissenschaftlicher Politikberatung? In anderen Ländern, wie etwa Finnland oder Singapur, wird dieser Aspekt bei Staatsoberhäuptern bereits stärker gewichtet.
**Analise**
Warum ist wissenschaftliches Denken für das Amt des Bundespräsidenten relevant? Zunächst einmal symbolisiert der Präsident die Einheit des Staates. Wer in dieser Rolle komplexe Sachverhalte wie den Klimawandel oder die digitale Transformation erklären kann, schafft Vertrauen. Zweitens hat der Bundespräsident das Recht, Gesetze zu unterzeichnen und zu prüfen. Eine fundierte naturwissenschaftliche oder sozialwissenschaftliche Bildung hilft, die Tragweite von Gesetzesvorhaben zu verstehen. Drittens spricht der Präsident bei nationalen und internationalen Anlässen – seine Worte können den Ton für whole Gesellschaft setzen. Wenn er oder sie wissenschaftliche Fakten korrekt und verständlich kommuniziert, stärkt das die allgemeine Wissenschaftskompetenz.
Die Forderung „Größer denken, bitte!“ bedeutet nicht, dass der Präsident ein Forscher sein muss. Aber die Auswahlkriterien sollten über politische Loyalität hinausgehen. Es geht um die Fähigkeit, über den Tag hinauszuschauen, globale Zusammenhänge zu erkennen und mutige Visionen auf Basis von Daten zu entwickeln. Beispielsweise könnte der nächste Bundespräsident eine Initiative für eine „Nationale Wissenschaftsstrategie“ anstoßen oder regelmäßig mit Wissenschaftsakademien wie der Leopoldina zusammenarbeiten.
Gleichzeitig darf die Wahl nicht zum reinen Tech-Kontest verkommen. Wissenschaftliches Denken umfasst auch ethische Reflexion und die Anerkennung von Unsicherheiten. Der Bundespräsident sollte daher keinesfalls einfach Parolen der Tech-Optimisten übernehmen, sondern kritisch abwägen. Hier liegt die Stärke einer wissenschaftlich informierten Persönlichkeit: Sie versteht, dass Wissen vorläufig ist und dass gute Entscheidungen auf widerlegbaren Hypothesen beruhen.
In der politischen Debatte über die Kandidaten ist diese Perspektive bislang unterrepräsentiert. Die Parteien nominieren häufig ehemalige Minister oder Parteivorsitzende. Eine Öffnung hin zu Personen mit wissenschaftlichem Hintergrund – etwa aus der Max-Planck-Gesellschaft oder der Helmholtz-Gemeinschaft – wäre ein Signal dafür, dass Deutschland den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ernsthaft begegnen will. Das würde auch international ein Zeichen setzen: In Zeiten von Fake News und Wissenschaftsfeindlichkeit kann ein wissenschaftsaffiner Bundespräsident ein Bollwerk gegen Desinformation sein.
**Fontes**
- Bundespräsidialamt (www.bundespraesident.de) – Informationen zum Amt und zum Wahlverfahren - Deutscher Bundestag – Regelungen zur Bundesversammlung und zur Wahl des Bundespräsidenten - Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften: Stellungnahmen zur Rolle der Wissenschaft in der Politik - Wissenschaft im Dialog (WiD) – Umfragen zur Wissenschaftskompetenz der Bevölkerung - Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland – Artikel 54ff. zur Wahl des Bundespräsidenten
Por Renan Filho · 2026-10-26