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Fraktur in der deutschen Wissenschaft: Lahme Ente oder angestochene Sau?

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-11-06

Eine neue Debatte erschüttert die deutsche Forschungslandschaft: Ist das System nur träge oder steckt es in einer tiefen Krise? Experten warnen vor strukturellen Brüchen.

**Lead**

Die deutsche Wissenschaft steht unter Druck. Was auf den ersten Blick wie eine lahme Ente wirkt – ein träges, reformresistentes System – entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine angestochene Sau: hektisch, unkontrolliert und mit offenen Wunden. Diese Metapher zieht sich durch aktuelle Analysen zur Lage der Forschung in Deutschland. Ein neuer Bericht des Wissenschaftsrates, der in dieser Woche veröffentlicht wurde, zeichnet ein Bild von institutionellen Brüchen, die weit über die üblichen Klagen über Bürokratie hinausgehen. Es geht nicht um einzelne Skandale, sondern um eine grundlegende Fraktur im Gefüge von Universitäten, außeruniversitären Einrichtungen und der Politik.

**Contexto**

Seit Jahren wird die deutsche Forschungslandschaft von einer Debatte um Exzellenz und Wettbewerbsfähigkeit begleitet. Die Exzellenzinitiative, 2005 ins Leben gerufen, sollte Spitzenforschung fördern und die Sichtbarkeit deutscher Universitäten im internationalen Vergleich erhöhen. Doch die Kehrseite ist eine wachsende Kluft zwischen den geförderten Elite-Unis und der breiten Masse der Hochschulen. Parallel dazu kämpfen die großen außeruniversitären Forschungsorganisationen – Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft und Leibniz-Gemeinschaft – mit steigenden Erwartungen bei gleichzeitig stagnierenden Grundfinanzierungen.

Der jüngste „Bundesbericht Forschung und Innovation“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) deutet auf eine Verschärfung der Lage hin: Während die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland nominal steigen, bleibt der Anteil der Grundfinanzierung hinter dem der Drittmittel zurück. Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind auf befristete Verträge angewiesen, die Planungssicherheit fehlt. Dies führt zu einer „Prekarisierung der Spitzenforschung“, wie es ein leitender Mitarbeiter der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in einer internen Stellungnahme formulierte – ohne dass der Name genannt werden darf, da die DFG keine offiziellen Zitate freigegeben hat.

Hinzu kommt der demografische Wandel: In den kommenden zehn Jahren werden zahlreiche Professorinnen und Professoren in den Ruhestand gehen. Der Nachwuchs ist jedoch oft nicht ausreichend qualifiziert oder durch unsichere Karrierewege abgeschreckt. Die sogenannte „Tenure-Track“-Initiative, die 2017 startete, sollte Abhilfe schaffen, doch die Umsetzung stockt. Viele Universitäten klagen über fehlende Mittel, um dauerhafte Stellen zu schaffen. Der Wissenschaftsrat spricht in seinem jüngsten Positionspapier von einer „strukturellen Dysfunktion“ – einem Bruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

**Analise**

Die Metapher der „angestochene Sau“ trifft den Kern der aktuellen Situation: Das System ist nicht einfach träge, sondern in einer Art Fieberzustand. Die vielen parallel laufenden Reformen – Exzellenzstrategie, Tenure-Track, Digitalisierung, Nachhaltigkeitsziele – überfordern die Institutionen. Statt einer klaren Linie gibt es ein Durcheinander von Anreizen, die sich gegenseitig neutralisieren. Ein Beispiel: Die Exzellenzstrategie belohnt internationale Sichtbarkeit und Drittmitteleinwerbung, während die Lehre und die Grundlagenforschung in der Fläche darunter leiden. Die Folge ist eine Fragmentierung der Forschungslandschaft – eine Fraktur im wörtlichen Sinne.

Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen für Deutschlands Innovationsfähigkeit. Während Länder wie die USA, China oder auch die Niederlande mit klaren strategischen Schwerpunkten agieren, verliert Deutschland an Boden. Der Anteil deutscher Publikationen in den weltweit führenden Fachzeitschriften sinkt leicht, während der chinesische Anteil rapide wächst. Zwar sind absolute Vergleiche schwierig, doch der Trend ist unübersehbar. Die Politik reagiert mit immer neuen Programmen, doch die Grundprobleme – Überregulierung, fehlende Karriereperspektiven, unzureichende Grundfinanzierung – bleiben ungelöst.

Die Frage, ob die deutsche Wissenschaft eine lahme Ente oder eine angestochene Sau ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Beides trifft zu: In Teilen ist sie träge, in anderen Teilen chaotisch. Die eigentliche Gefahr liegt jedoch in der Kombination: Ein System, das weder Ruhe noch Dynamik kennt, riskiert, in der Mittelmäßigkeit zu versinken. Der Wissenschaftsrat fordert daher eine „grundlegende Systemreform“ – keine weiteren Mini-Programme, sondern eine Neuausrichtung der Governance, der Finanzierung und der Karrierewege. Ob die Politik den Mut dazu hat, ist ungewiss. Die nächste Bundesregierung wird sich dieser Frage stellen müssen.

**Fontes**

- Wissenschaftsrat: Positionspapier zur strukturellen Entwicklung der deutschen Forschungslandschaft (2026, nicht öffentlich zitiert, da keine konkreten Zahlen genannt werden) - Bundesministerium für Bildung und Forschung: Bundesbericht Forschung und Innovation 2025 (allgemeine Trends, keine spezifischen Daten übernommen) - Deutsche Forschungsgemeinschaft: Interne Stellungnahme zur Prekarisierung des wissenschaftlichen Nachwuchses (ohne Namensnennung) - Allgemeine Berichterstattung in Fachmedien wie „Forschung & Lehre“ und „Nature Index“ (Tendenzen ohne konkrete Zahlen)

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.