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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet exklusiv, dass ein umstrittenes Buch über die Colonia Dignidad, das von Fachleuten und Betroffenen als „Schrottbuch“ eingestuft worden war, in Deutschland weiterhin erhältlich ist. Der Band, der sich mit der Geschichte der deutschen Sektenkolonie im Süden Chiles befasst, war bereits in der Vergangenheit wegen nachweislicher Ungenauigkeiten und einer verharmlosenden Darstellung kritisiert worden. Dennoch wird er offenbar weiterhin über Online-Händler und den physischen Buchhandel vertrieben. Die erneute Verfügbarkeit wirft Fragen nach den Mechanismen des Buchmarkts und der Verantwortung von Verlagen auf, insbesondere wenn es um die Aufarbeitung von Verbrechen geht.
**Contexto**
Die Colonia Dignidad wurde 1961 von dem deutschen Auswanderer Paul Schäfer in der Region Maule in Chile gegründet. Was zunächst als landwirtschaftliche Siedlung und Krankenstation begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem abgeschotteten Ort, an dem deutsche Siedler unter der Herrschaft Schäfers lebten. Nach der Militärdiktatur Augusto Pinochets wurde bekannt, dass in der Kolonie systematisch Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden waren. Zudem diente das Gelände offenbar als Folterstätte des chilenischen Geheimdienstes DINA. Schäfer selbst wurde 2005 in Argentinien festgenommen und später in Chile zu mehreren Haftstrafen verurteilt. Er starb 2010 im Alter von 88 Jahren im chilenischen Gefängnis.
Die Aufarbeitung der Colonia Dignidad gilt als eines der komplexesten Kapitel der deutsch-chilenischen Beziehungen. Im Jahr 2023 beschloss der Deutsche Bundestag ein Gesetz, das die Anerkennung der Opfer und ihre Entschädigung erleichtern soll. Der chilenische Staat hat das Gelände inzwischen beschlagnahmt und plant dort ein Dokumentationszentrum. In diesem Prozess spielen Bücher und Zeugnisse eine zentrale Rolle – sowohl als Quellen für die historische Forschung als auch als Mittel der öffentlichen Erinnerung.
Vor diesem Hintergrund ist das erneute Auftauchen des als „Schrottbuch“ bezeichneten Werks besonders brisant. Nach Recherchen der F.A.Z. war der Band zwischenzeitlich vom Markt genommen worden, offenbar wegen rechtlicher Auseinandersetzungen und massiver Kritik von Betroffenenverbänden. Nun ist er jedoch wieder im Handel zu finden. Die F.A.Z. zitiert in ihrem Exklusivbericht interne Dokumente, die zeigen, dass der Verlag das Buch trotz bekannter Mängel nicht vollständig aus dem Programm genommen hat. Stattdessen wurde es offenbar über andere Vertriebswege neu aufgelegt oder als Restbestand weiterverkauft.
**Analise**
Die Tatsache, dass ein wissenschaftlich unhaltbares Buch über ein Kapitel deutscher Kolonial- und Migrationsgeschichte weiterhin verkauft wird, ist kein rein wirtschaftliches Problem. Sie berührt den Kern der Erinnerungskultur. Wenn Werke, die nachweislich falsche Behauptungen enthalten oder die Taten von Tätern verharmlosen, weiterhin als vermeintlich seriöse Literatur gehandelt werden, leidet das Vertrauen in die Aufarbeitungsarbeit. Gerade im Fall der Colonia Dignidad, wo viele Dokumente jahrzehntelang unter Verschluss waren, haben Überlebende ein hohes Interesse daran, dass ihre Geschichte nicht durch unseriöse Publikationen verfälscht wird.
Die F.A.Z.-Enthüllung verdeutlicht zudem eine Lücke im deutschen Buchhandelssystem: Es gibt keine zentrale Instanz, die historische Sachbücher vor dem Verkauf auf inhaltliche Richtigkeit prüft. Verlage handeln nach eigenem Ermessen, und der Markt regelt – zumindest formal – die Nachfrage. Dass ein problematisches Buch trotz Kritik weiterhin angeboten wird, zeigt, wie schwer es ist, einmal etablierte Titel wieder aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verbannen. Bibliotheken, Buchhandlungen und Online-Plattformen müssten stärker sensibilisiert werden, um ihr Sortiment kritisch zu prüfen.
Gleichzeitig ist die erneute Verfügbarkeit auch ein Hinweis auf ein wachsendes Interesse an der Colonia Dignidad. Filme, Podcasts und Reportagen der letzten Jahre haben das Thema international bekannter gemacht. Dass dabei auch unseriöse Werke auftauchen, ist fast zwangsläufig. Umso wichtiger ist es, dass seriöse Medien wie die F.A.Z. solche Angebote öffentlich benennen und einordnen. Nur so können Leserinnen und Leser zwischen faktenbasierten Aufarbeitungen und reißerischen Darstellungen unterscheiden.
**Fontes**
Die Informationen dieser Meldung beruhen auf einem exklusiven Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) über die anhaltende Verfügbarkeit des kritisierten Buches. Weitere Hintergründe zur Geschichte der Colonia Dignidad stammen aus öffentlich zugänglichen Gerichtsurteilen, Dokumentationscentern und der Berichterstattung deutscher und chilenischer Medien, darunter die Aufarbeitungsinitiative der Bundesregierung und die Stiftung „Colonia Dignidad“ in Chile.
Por Renan Filho · 2026-10-16