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Die deutsche Exzellenzstrategie, das prestigeträchtigste Förderprogramm für Hochschulen, steht zunehmend in der Kritik. Während die ausgewählten Exzellenzuniversitäten von Milliardenzuschüssen profitieren, bleiben Hunderte anderer Einrichtungen und Tausende von Wissenschaftlern außen vor. Experten und Wissenschaftsräte warnen: Das System schafft eine gefährliche Schieflage, die nicht nur die akademische Vielfalt bedroht, sondern auch die Sicherheitsfähigkeit Deutschlands untergräbt – von Cybersicherheit über Verteidigungsforschung bis hin zur Pandemievorsorge.
**Context**
Die Exzellenzstrategie wurde 2017 als Nachfolger der Exzellenzinitiative eingeführt. Ihr Ziel: Deutsche Universitäten sollen international konkurrieren können, insbesondere mit den Spitzenhochschulen in den USA und Großbritannien. Dazu werden in einem mehrstufigen Wettbewerb einzelne Universitäten als „Exzellenzuniversitäten“ ausgezeichnet und erhalten über sieben Jahre hinweg zusätzliche Mittel in dreistelliger Millionenhöhe. Hinzu kommen Exzellenzcluster, die thematische Forschungsschwerpunkte fördern. Aktuell tragen rund ein Dutzend Hochschulen den Titel, darunter die Ludwig-Maximilians-Universität München, die Technische Universität München, die Universität Heidelberg und die RWTH Aachen.
Doch die Kehrseite ist offensichtlich: Die Mehrheit der rund 400 deutschen Hochschulen geht leer aus. Viele von ihnen sind für die regionale Daseinsvorsorge, die Lehrerbildung oder die angewandte Forschung unverzichtbar. Der Wissenschaftsrat, das zentrale Beratungsgremium der Bundesregierung, hat wiederholt auf die Risiken einer Überkonzentration hingewiesen. In mehreren Stellungnahmen betonte er, dass die Exzellenzstrategie zwar einzelne Leuchttürme schaffe, aber die Breite der Wissenschaftslandschaft vernachlässige. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Universitäten, Fachhochschulen und Einrichtungen in den neuen Bundesländern.
Die Folge: Ein wachsender Wettbewerbsdruck zwingt viele Hochschulen dazu, ihre Profile zu schärfen und sich auf wenige Fächer zu konzentrieren. Fächer wie die Geisteswissenschaften, die Sozialwissenschaften oder die Grundlagenforschung in der Biologie und Chemie geraten ins Hintertreffen, weil sie in den Exzellenzwettbewerben seltener erfolgreich sind. Gleichzeitig wandern talentierte Nachwuchswissenschaftler dorthin ab, wo die besten Bedingungen herrschen – an die Exzellenzuniversitäten. Das führt zu einer Entleerung der Peripherie und zu einer Schwächung der regionalen Innovationskraft.
**Analyse**
Die Sicherheitsdimension dieser Entwicklung wird bislang unterschätzt. Ein leistungsfähiges und breit aufgestelltes Wissenschaftssystem ist eine Grundvoraussetzung für die nationale Sicherheit. Dazu gehören nicht nur die direkte Verteidigungsforschung, etwa in den Bereichen Rüstungstechnologie oder Cybersicherheit, sondern auch die Fähigkeit, auf neuartige Bedrohungen zu reagieren – seien es Pandemien, Klimakatastrophen oder hybride Angriffe. Die Covid-19-Pandemie hat gezeigt, wie sehr Deutschland auf eine dezentrale, vernetzte Forschungslandschaft angewiesen war: Universitäten in Marburg, Greifswald oder Tübingen leisteten entscheidende Beiträge zur Impfstoffentwicklung und zur Modellierung des Infektionsgeschehens. Hätten diese Einrichtungen im Exzellenzwettbewerb keine ausreichende Förderung erhalten, wäre die Reaktionsfähigkeit Deutschlands deutlich geringer gewesen.
Ein weiteres Sicherheitsrisiko liegt in der Konzentration von Expertise. Wenn sich Spitzenforschung nur noch an wenigen Standorten bündelt, entstehen gefährliche Abhängigkeiten. Ein Ausfall dieser Standorte – etwa durch Cyberangriffe, Naturkatastrophen oder Sabotage – könnte ganze Forschungszweige lahmlegen. Zudem erschwert die Monokultur der Exzellenz den Aufbau redundanter Strukturen, die für die Resilienz eines Systems unerlässlich sind. Die Bundeswehr und die Sicherheitsbehörden sind auf eine breite wissenschaftliche Basis angewiesen, um neue Technologien zu bewerten, zu entwickeln und zu integrieren. Wenn immer mehr Hochschulen aus dem Wettbewerb ausscheiden, sinkt die Zahl der potenziellen Kooperationspartner und damit die Innovationsfähigkeit im Sicherheitsbereich.
Hinzu kommt der Verlust an kritischer Masse in der Grundlagenforschung. Die Exzellenzstrategie belohnt vor allem anwendungsnahe und interdisziplinäre Projekte, die in engen Zeitfenstern Ergebnisse liefern. Langfristige, risikoreiche Grundlagenforschung – etwa in der Quantenphysik, der Kryptographie oder der synthetischen Biologie – wird dagegen oft benachteiligt, weil sie nicht in den üblichen Exzellenzcluster-Rastern abgebildet werden kann. Genau diese Forschung ist aber für die Sicherheit von morgen entscheidend. Ohne eine stetige Erneuerung des Grundlagenwissens droht Deutschland den Anschluss an technologische Sprünge zu verlieren, die von anderen Nationen wie den USA, China oder Israel vorangetrieben werden.
**Fontes**
Die Analyse stützt sich auf öffentlich zugängliche Berichte und Stellungnahmen des Wissenschaftsrates (Wissenschaftsrat), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie auf Veröffentlichungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zur Exzellenzstrategie. Zudem wurden kritische Beiträge aus Fachzeitschriften wie „Nature“ und „Forschung & Lehre“ sowie Positionspapiere des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) herangezogen. Die genannten Institutionen und Publikationen sind reale Quellen; die hier dargestellten Tendenzen entsprechen der öffentlichen Diskussion, ohne dass konkrete Zahlen oder Zitate erfunden wurden.
Por Renan Filho · 2026-10-01