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Evonik-Chef Rettig: „Vielleicht sind zwei deutsche Champions ja besser als einer“ – Debatte um industrielle Sicherheit

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-11-05

Der Vorstandsvorsitzende von Evonik, Marcus Rettig, stellt die These in den Raum, dass eine stärkere Diversifizierung der deutschen Industrielandschaft die nationale Sicherheit erhöhen könnte. Ein Kommentar mit weitreichenden Folgen für Lieferketten und Souveränität.

**Lead**

Der Chef des Spezialchemiekonzerns Evonik, Marcus Rettig, hat mit einer ungewöhnlichen Aussage für Aufsehen gesorgt: „Vielleicht sind zwei deutsche Champions ja besser als einer.“ In einer Zeit, in der Deutschland über die Sicherheit seiner Lieferketten und die Abhängigkeit von einzelnen Großkonzernen diskutiert, könnte dieser Satz eine strategische Neuausrichtung einleiten. Rettig spielt damit auf die Diskussion über industrielle Konzentration an – ein Thema, das bis in die Sicherheitspolitik hineinreicht.

**Context**

Evonik ist mit rund 36.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von über 17 Milliarden Euro einer der weltweit führenden Spezialchemieanbieter. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Essen produziert unter anderem Grundstoffe für Pharmazie, Kosmetik und Hochtechnologie. In Branchen wie der Chemieindustrie gibt es in Deutschland häufig nur ein oder zwei dominierende Akteure – BASF, Covestro, Evonik, Lanxess. Die Folge: eine hohe Abhängigkeit von einzelnen Standorten und Produktionslinien. Sollte einer dieser Champions ausfallen, etwa durch Cyberangriffe, Naturkatastrophen oder geopolitische Spannungen, könnten ganze Wertschöpfungsketten zum Erliegen kommen.

Genau hier setzt die Aussage von Rettig an. Seine Äußerung ist vor dem Hintergrund der aktuellen sicherheitspolitischen Entwicklungen zu sehen: Der Krieg in der Ukraine, Sanktionen gegen Russland und die zunehmende Rivalität zwischen den USA und China haben die Verwundbarkeit globaler Liefernetze offengelegt. Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft ist besonders betroffen. Der Evonik-Chef selbst betonte in einem Gespräch mit Wirtschaftsmedien, dass eine größere Redundanz an Schlüsselpositionen die Resilienz des gesamten Systems stärken könne. „Wir dürfen nicht alle Eier in einen Korb legen“, so Rettig sinngemäß.

Wirtschaftsverbände und Sicherheitsexperten greifen die Debatte auf. So erklärte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) bereits in Stellungnahmen, dass die Sicherheit der Rohstoffversorgung und die Unabhängigkeit von Einzelanbietern zu den drängendsten Fragen der kommenden Jahre zählten. Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt vor den Risiken, die von einer zu starken Konzentration in kritischen Infrastrukturen ausgehen. Die Chemieindustrie gilt als Teil der Kritischen Infrastruktur (KRITIS).

**Analyse**

Die Aussage von Rettig ist bemerkenswert, weil sie von einem führenden Manager kommt, dessen Unternehmen selbst zu den Champions zählt. Normalerweise plädieren Konzernchefs für Größenvorteile und Marktbeherrschung. Dass Rettig stattdessen für zwei Champions wirbt, deutet auf ein Umdenken hin – möglicherweise aus einer realpolitischen Einsicht: Monokulturen sind anfällig. Im Falle eines Blackouts, eines Hackerangriffs oder eines Lieferstopps könnten parallele Produktionsstandorte das System stabil halten. Das ist ein klassisches Sicherheitsdenken, das sonst eher in der Energieversorgung oder bei militärischen Gütern Anwendung findet.

Gleichzeitig wirft die Idee wirtschaftliche Fragen auf. Zwei Champions bedeuten doppelte Infrastruktur, mögliche Überkapazitäten und höhere Kosten. In Zeiten globalen Wettbewerbs könnte dies die Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Rettig scheint jedoch zu glauben, dass der Sicherheitsgewinn die Effizienzverluste überwiegt. Diese Haltung deckt sich mit einem Trend, der sich in vielen westlichen Ländern abzeichnet: Die Verschiebung von „just in time“ zu „just in case“. Die Coronapandemie und geopolitische Krisen haben gezeigt, dass Lieferketten robuster sein müssen. Die Diskussion über „Industrial Security“ gewinnt an Fahrt.

Ein weiterer Aspekt ist die europäische Dimension. Deutschland ist nicht allein – die EU verfolgt mit dem „Critical Raw Materials Act“ und der „European Chips Act“ ähnliche Ziele. Wenn sich mehrere deutsche Champions in einer Branche etablieren, könnte dies auch die Abhängigkeit von außereuropäischen Lieferanten verringern. Allerdings könnte es auch zu innereuropäischen Konflikten führen, falls andere Länder ähnliche Strategien verfolgen. Rettigs Vorschlag ist daher nicht nur unternehmerisch, sondern auch sicherheitspolitisch hochrelevant. Er stellt die bisherige Dominanz des Single-Player-Ansatzes infrage und öffnet den Raum für eine neue Industriepolitik, die Sicherheit und Wettbewerb in Einklang bringt.

**Fontes**

Die Informationen basieren auf Aussagen von Evonik-Chef Marcus Rettig im Rahmen eines Interviews mit deutschen Wirtschaftsmedien sowie auf öffentlich zugänglichen Analysen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und Berichten des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) zur Kritischen Infrastruktur. Weitere Hintergründe zu Evonik entstammen den Unternehmensveröffentlichungen sowie Pressemitteilungen zur Chemieindustrie.

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.