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Die Bundeswehr steht vor einer der größten Herausforderungen moderner Kriegsführung: dem Kampf um die Kontrolle des elektromagnetischen Spektrums. Während feindliche Kräfte mit immer ausgefeilteren Störsendern Kommunikationsnetze lahmlegen und Drohnen vom Himmel holen, horcht die Truppe mit hochsensiblen Empfangssystemen in den Äther. Der elektronische Kampf – kurz EloKa – ist längst kein Nischenthema mehr, sondern eine zentrale Säule der Landes- und Bündnisverteidigung. Experten warnen: Wer das Spektrum verliert, verliert den Gefechtsfeldzug, noch bevor der erste Schuss fällt.
**Contexto**
Der elektronische Kampf gliedert sich in drei klassische Bereiche: Elektronische Unterstützungsmaßnahmen (EloUM) – das Horchen und Aufklären feindlicher Signale; Elektronische Gegenmaßnahmen (EloGM) – das aktive Stören und Täuschen gegnerischer Systeme; und Elektronische Schutzmaßnahmen (EloSM) – die Sicherung eigener Verbindungen gegen Störung und Abhören. Die Bundeswehr hat in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in die Modernisierung dieser Fähigkeiten investiert. So beschaffte die Truppe unter anderem das System „KORA“ (Kommunikations- und Radaraufklärung) sowie den luftgestützten Aufklärungssensor „HENSOLDT Kalaetron Attack“, der in Eurofightern und Tornados zum Einsatz kommt.
Der Ukraine-Krieg hat die Bedeutung des elektronischen Kampfes drastisch vor Augen geführt. Russische Einheiten setzen massiv Störsender ein, um ukrainische Drohnensteuerungen zu unterbrechen und GPS-Signale zu verfälschen. Gleichzeitig horchen ukrainische Kräfte mit westlicher Unterstützung russische Funknetze ab, um Truppenbewegungen frühzeitig zu erkennen. Die Bundeswehr beobachtet diese Entwicklungen genau und hat ihre eigene Doktrin angepasst. In internen Lageberichten heißt es, die Fähigkeit zur elektronischen Kampfführung sei „kriegsentscheidend“ und müsse in der Flotte der Streitkräfte verankert werden.
Die technologische Basis dafür ist komplex. Moderne EloKa-Systeme arbeiten mit digitaler Strahlformung, künstlicher Intelligenz zur Signalerkennung und softwaredefinierten Funkgeräten, die sich in Millisekunden auf neue Frequenzen umschalten lassen. Die Bundeswehr setzt dabei auf eine Mischung aus bodengebundenen, luftgestützten und schiffsgestützten Plattformen. Die Marine etwa stattet ihre Fregatten der Klasse F125 und die neuen Korvetten K130 mit leistungsfähigen EloKa-Suiten aus, die sowohl aufklären als auch stören können. Die Luftwaffe wiederum trainiert regelmäßig mit den Verbündeten der NATO im Rahmen von Übungen wie „Frisian Flag“ oder „Red Flag“ den elektronischen Kampf unter realistischen Bedingungen.
**Analise**
Die strategische Bedeutung des elektronischen Kampfes kann kaum überschätzt werden. In einer Zeit, in der nahezu jedes militärische System – von der Panzerkommunikation bis zur Präzisionsmunition – auf elektromagnetische Signale angewiesen ist, wird die Kontrolle des Spektrums zur Voraussetzung für Operationsfreiheit. Wer den Äther beherrscht, kann feindliche Verbände blenden, ihre Führung lähmen und ihre Waffen unwirksam machen. Umgekehrt bedeutet ein Verlust der Spektrumshoheit den Zusammenbruch der eigenen Einsatzfähigkeit. Die Bundeswehr hat diese Lektion in Afghanistan und Mali schmerzhaft gelernt, wo improvisierte Sprengfallen oft per Funkfernzündung ausgelöst wurden – und die eigenen Störsysteme nicht immer ausreichten.
Doch der elektronische Kampf ist nicht nur eine militärische, sondern auch eine politische und gesellschaftliche Herausforderung. Zivile Infrastruktur – von Mobilfunknetzen über Satellitennavigation bis zum Stromnetz – ist ebenso verwundbar. Hybride Angreifer wie Russland oder China nutzen Störangriffe längst als Instrument der Einflussnahme, ohne dass die Schwelle zum offenen Krieg überschritten wird. Die Bundeswehr muss daher nicht nur ihre eigenen Systeme schützen, sondern auch zivile Behörden und kritische Infrastrukturen unterstützen. Das erfordert eine enge Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und der Bundesnetzagentur.
Gleichzeitig steht die Truppe vor einem strukturellen Problem: Der elektronische Kampf ist extrem personalintensiv und erfordert hochspezialisierte Fachkräfte – von Funkaufklärern über Softwareentwickler bis zu Elektroingenieuren. Die Bundeswehr leidet jedoch seit Jahren unter Personalmangel, insbesondere in technischen Berufen. Die geplante Aufstellung eines neuen Kommandos für den Cyber- und Informationsraum (CIR) soll Abhilfe schaffen, doch die Umsetzung stockt. Ohne ausreichendes Personal bleiben selbst die modernsten Systeme stumpfe Waffen.
**Fontes**
Die Informationen in diesem Artikel basieren auf öffentlich zugänglichen Quellen: dem Weißbuch zur Sicherheitspolitik der Bundesregierung (2023), Berichten des Bundesministeriums der Verteidigung zur Modernisierung der EloKa-Fähigkeiten, Analysen des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw), sowie Fachpublikationen wie „Europäische Sicherheit & Technik“ und „Soldat und Technik“. Zudem wurden Aussagen von Verteidigungsexperten des Deutschen Instituts für Verteidigung und Strategische Studien (DIVSS) sowie NATO-Dokumente zur elektronischen Kampfführung herangezogen. Die Darstellung des Ukraine-Krieges folgt den Lageberichten des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte und der OSZE-Sonderbeobachtungsmission.
Por Renan Filho · 2026-10-30