**Lead**
Seit nunmehr einem Jahr ist die Bundesregierung mit einer groß angelegten Werbetour unterwegs, um internationale Investoren für den Standort Deutschland zu gewinnen. Die Kampagne, die vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) gemeinsam mit der Außenwirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade & Invest (GTAI) koordiniert wird, hat in den vergangenen zwölf Monaten Stationen in Nordamerika, Asien und dem Nahen Osten gemacht. Ziel ist es, die Attraktivität Deutschlands als Investitionsstandort in Zeiten globaler Lieferkettenumbrüche und geopolitischer Spannungen zu stärken. Offizielle Zahlen zu den konkreten Investitionszusagen liegen noch nicht vollständig vor, doch erste Zwischenbilanzen deuten auf ein gestiegenes Interesse aus Schlüsselsektoren wie Halbleiter, erneuerbare Energien und Künstliche Intelligenz hin.
**Contexto**
Die Werbetour ist Teil einer umfassenderen Strategie der Bundesregierung, die nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der daraus resultierenden Energiekrise die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten reduzieren und gleichzeitig die heimische Industrie zukunftsfähig machen will. Bereits im Herbst 2024 hatte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine „Investitionsoffensive“ angekündigt, die unter anderem beschleunigte Genehmigungsverfahren, steuerliche Anreize für Forschung und Entwicklung sowie den Ausbau der digitalen Infrastruktur vorsieht. Die Werbetour ist das außenwirtschaftliche Pendant dieser Bemühungen: Hochrangige Delegationen – bestehend aus Vertretern des BMWK, der GTAI, der Bundesländer sowie ausgewählter Industrie- und Handelskammern – reisten in die USA, nach Kanada, Japan, Südkorea, Indien, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Besonderes Augenmerk lag auf den USA, wo deutsche Wirtschaftsvertreter in Texas, Kalifornien und New York für den Standort warben. Die Vereinigten Staaten sind seit Jahren der wichtigste ausländische Investor in Deutschland, und umgekehrt investieren deutsche Unternehmen massiv in den USA. Die Kampagne zielte darauf ab, amerikanische Technologiekonzerne davon zu überzeugen, ihre Forschungs- und Produktionsstandorte in Deutschland auszubauen – insbesondere im Bereich der Chipproduktion und der Wasserstofftechnologie. In Asien standen vor allem japanische und südkoreanische Unternehmen im Fokus, die als Partner für die Transformation der deutschen Automobilindustrie gelten. Indien wiederum wurde als wachsender Markt für Digitalisierung und Softwareentwicklung angesprochen.
**Analise**
Die Werbetour kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der globale Wettbewerb um ausländische Direktinvestitionen (FDI) härter ist denn je. Die USA haben mit dem Inflation Reduction Act (IRA) und dem CHIPS Act massive Subventionsprogramme aufgelegt, die Investitionen in grüne Technologien und Halbleiter in die Vereinigten Staaten locken. Auch China versucht mit gezielten Anreizen, ausländische Unternehmen im Land zu halten. Deutschland muss sich daher nicht nur als stabiler Rechtsstaat und innovationsstarker Standort präsentieren, sondern auch konkrete wirtschaftliche Vorteile bieten. Die bisherigen Ergebnisse der Tour sind gemischt: Während einige Großkonzerne wie Intel und TSMC bereits vor der Kampagne Investitionen in Deutschland angekündigt hatten, sind neue, durch die Werbetour ausgelöste Projekte bislang eher in der mittelständischen Dimension angesiedelt.
Ein zentrales Hindernis bleibt die Bürokratie. Investoren berichten immer wieder von langwierigen Genehmigungsverfahren, unklaren Zuständigkeiten und hohen Energiekosten. Die Bundesregierung hat zwar mit dem „Bürokratieentlastungsgesetz“ gegengesteuert, doch die Wirkung wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Positiv hervorzuheben ist die enge Zusammenarbeit mit den Bundesländern: Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben eigene Standortkampagnen gestartet, die die nationale Werbetour ergänzen. Die Tour hat zudem dazu beigetragen, das Bild Deutschlands als verlässlichen Partner in einer unsicheren Welt zu festigen – ein weicher Faktor, der sich in harten Investitionsentscheidungen niederschlagen kann.
**Fontes**
Die Informationen basieren auf öffentlich zugänglichen Berichten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), Pressemitteilungen von Germany Trade & Invest (GTAI) sowie Analysen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und des ifo Instituts. Zudem wurden Hintergrundgespräche mit Teilnehmern der Delegationsreisen ausgewertet, die jedoch nicht namentlich zitiert werden. Die genannten Unternehmensbeispiele (Intel, TSMC) sind allgemein bekannte Investitionsprojekte, die bereits vor der Werbetour öffentlich angekündigt wurden.
Por Renan Filho · 2026-10-10