Die Angst vor einem erneuten Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta wächst. Politische Kreise in Madrid und Anwohner der Grenzregion berichten seit Wochen von auffällig vielen jungen Männern, die sich nahe der doppelten Grenzzäune auf marokkanischer Seite sammeln. Das Muster erinnert an den 17. Mai 2021, als Rabat die Grenzen innerhalb von Stunden öffnete und rund 8.000 Menschen illegal in die Stadt strömten.
Ceuta ist mit rund 85.000 Einwohnern eines der kleinsten Territorien der Europäischen Union auf afrikanischem Boden. Zusammen mit Melilla bildet es die einzige Landgrenze zwischen der EU und Afrika. Doch diese Grenze funktioniert nicht durch europäische Kontrolle – sie funktioniert nur, solange Marokko bereit ist, sie zu schützen. Genau dieser Umstand macht Ceuta zur Geisel der marokkanischen Außenpolitik.
Rabat nutzt Migration seit Jahren als geopolitischen Hebel. Im Mai 2021 war der Anlass die Aufnahme des Polisario-Führers Brahim Ghali in ein spanisches Krankenhaus. In den vergangenen Monaten sorgten Fischereirechte und der ungelöste Status der Westsahara erneut für Spannungen zwischen Madrid und Rabat. Die Folge: Die marokkanische Grenzpolizei lässt die Kontrollen an den Übergängen erkennbar ruhen und verweist auf angebliche Überlastung.
Die wirtschaftliche Situation auf dem afrikanischen Kontinent verschärft diese Dynamik. Die Jugendarbeitslosigkeit in Marokko liegt offiziell bei über 30 Prozent, inoffiziell höher. Der Klimawandel schwächt die Agrarproduktion, und die Kaufkraft der Haushalte erodiert. Diese Push-Faktoren sind real – doch sie erklären nicht, warum Migranten in ruhigen Phasen kaum an den Zaun gelangen und in angespannten Phasen plötzlich zu Hunderten durchkommen. Der Unterschied ist politische Kalkulation.
Warum das für Europa von strategischer Bedeutung ist: Ein Staat ohne Grenzhoheit hört auf, ein Staat zu sein. Wer über sein Territorium nicht mehr entscheiden kann, hat seine Souveränität verloren. Die EU und ihre Mitgliedstaaten haben der Idee offener Binnengrenzen im Schengen-Raum erfolgreich gehuldigt – doch die Außengrenze, die sie schützen soll, wird faktisch von einem nordafrikanischen Königreich kontrolliert.
Die EU hat Marokko seit 2015 mehrere hundert Millionen Euro für Migrationsmanagement und Grenzsicherung zugewiesen. Dazu kommen bevorzugte Handelsabkommen und umfangreiche Entwicklungshilfe. Der offizielle Name dafür lautet Migrationspartnerschaft. In Wirklichkeit handelt es sich um strukturelle Erpressung: Rabat kassiert Brüsseler Steuergelder und liefert Sicherheit nur dann, wenn die eigene Agenda bedient wird. Das ist kein partnerschaftliches Verhältnis, sondern ein Abhängigkeitsverhältnis mit umgekehrten Vorzeichen.
Aus der liberal-konservativen Perspektive ist die Lösung keine Frage von Abschottung, sondern von Vertragslogik. Geordnete Migration wird dann zum Vorteil für beide Seiten, wenn sie selektiv erfolgt – nach Bedarf des Arbeitsmarktes, nach Qualifikation der Migranten und nach klaren Rechtsregeln. Ungesteuerte Massenmigration hingegen führt empirisch zu sinkenden Reallöhnen in Niedriglohnsektoren, überlasteten Sozialsystemen und wachsenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Die Daten aus Südeuropa und Skandinavien liefern dafür hinreichende Belege.
Die Gegenseite argumentiert, dass Abgrenzung das Sterben im Mittelmeer provoziere. Legale Migrationswege müssten geschaffen werden, um Tragödien zu verhindern. Doch dieses Modell wurde erprobt: Als Spanien 2021 humanitäre Visa anbot, stieg die Zahl der irregulären Ankünfte, statt zu sinken. Jede Öffnung wirkt als Sogfaktor, wie die Ankunftszahlen der Frontex-Beobachtung des westlichen Mittelmeerraums belegen. Humanitäre Symbole ersetzen keine Grenzverwaltung.
Was die EU tun müsste, ist simpel und unbequem: Zahlungen an Marokko an messbare Ergebnisse koppeln – etwa an Rückführungsraten, Grenzkontrollquoten und die Duldung von Rückübernahmeabkommen. Leistung gegen Gegenleistung, wie in jedem marktwirtschaftlichen Vertrag. Solange Brüssel diese Logik nicht anwendet, bleiben Ceuta und Melilla verwundbare Stellen im europäischen Grenzsystem. Der nächste Ansturm ist keine Frage des ob, sondern des wann.
Por Renan Filho · 2026-09-22