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Nobelpreisträger Acemoglu: „Wo es Groll gibt, hat die Identitätspolitik die Spaltung vertieft“

Renan Filho Por Renan Filho · 2026-11-06

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoglu warnt in einem neuen Essay vor den gesellschaftlichen Folgen identitätspolitischer Strategien. Er sieht eine zunehmende Polarisierung, die durch technologische Plattformen und wirtschaftliche Ungleichheit verstärkt wird – eine Analyse mit besonderer Relevanz für Deutschland.

**Lead**

Der renommierte Ökonom und Nobelpreisträger Daron Acemoglu hat in einem aktuellen Beitrag für das „Journal of Economic Perspectives“ die Rolle der Identitätspolitik in modernen Demokratien scharf kritisiert. „Wo es Groll gibt, hat die Identitätspolitik die Spaltung vertieft“, schreibt der MIT-Professor. Seine Analyse richtet sich nicht nur gegen politische Akteure, sondern auch gegen die technologischen Infrastrukturen, die diese Dynamik befeuern. Für Deutschland, wo Debatten über Migration, Geschlechterfragen und regionale Ungleichheit zunehmend emotional geführt werden, liefert Acemoglu eine systemische Erklärung für die wachsende gesellschaftliche Fragmentierung.

**Contexto**

Acemoglu, der 2024 gemeinsam mit Simon Johnson und James A. Robinson den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, hat sich in den vergangenen Jahren verstärkt mit den Wechselwirkungen zwischen Technologie, Institutionen und sozialem Zusammenhalt beschäftigt. In seinem neuen Aufsatz argumentiert er, dass Identitätspolitik nicht per se schädlich sei, aber dann toxisch werde, wenn sie von politischen Unternehmern und Algorithmen sozialer Netzwerke instrumentalisiert werde. „Die Plattformen belohnen Empörung und tribale Loyalität“, schreibt Acemoglu. „Sie verstärken die Stimmen der Lautesten und Radikalsten, während moderate Positionen unsichtbar bleiben.“

Diese These gewinnt vor dem Hintergrund der deutschen Medienlandschaft an Bedeutung. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2025 beziehen inzwischen mehr als ein Drittel der unter 30-Jährigen ihre politischen Informationen primär über soziale Medien wie TikTok, Instagram oder Telegram. Gleichzeitig zeigt die Forschung der Universität Mannheim, dass algorithmisch kuratierte Inhalte auf diesen Plattformen tendenziell extreme Positionen bevorzugen, da sie höhere Interaktionsraten erzielen. Acemoglu verweist in diesem Zusammenhang auf die Arbeiten der Sozialpsychologin Elizabeth Levy Paluck von der Princeton University, die experimentell nachwies, dass die Reduktion von Hassrede in Online-Foren die Polarisierung in realen Gemeinschaften signifikant senken kann.

Ein weiterer zentraler Punkt in Acemoglus Analyse ist die wirtschaftliche Dimension. Er argumentiert, dass Identitätspolitik oft dann besonders wirksam sei, wenn materielle Ungleichheit und Statusängste vorhanden seien. „Menschen, die das Gefühl haben, von der Globalisierung und der Digitalisierung abgehängt zu werden, sind anfälliger für Narrative, die ihnen einen kulturellen Gegner statt eines wirtschaftlichen Problems präsentieren“, so der Ökonom. Diese Beobachtung deckt sich mit Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die zeigen, dass in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit und geringer digitaler Infrastruktur die Zustimmung zu identitätspolitisch aufgeladenen Parteien überdurchschnittlich hoch ist.

**Analise**

Acemoglus Kritik ist besonders relevant für die deutsche Technologie- und Politikdebatte, weil sie den Fokus von der reinen Inhaltsmoderation auf die Plattformarchitektur lenkt. Bislang konzentriert sich die deutsche Regulierung – etwa durch den Digital Services Act (DSA) der EU oder das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) – vor allem auf die Löschung illegaler Inhalte. Acemoglu argumentiert jedoch, dass das Problem tiefer liege: Die Geschäftsmodelle der großen Plattformen basierten auf Aufmerksamkeitsmaximierung, und diese maximiere nun einmal Empörung. „Solange die Algorithmen nicht umgestaltet werden, wird jede Löschung nur die nächste Welle der Empörung auslösen“, warnt er.

Diese Perspektive hat praktische Implikationen. In Deutschland wird derzeit über eine Reform des NetzDG diskutiert, die auch die Transparenz von Algorithmen vorschreiben soll. Acemoglu unterstützt solche Maßnahmen, betont aber, dass sie nicht ausreichten. Er plädiert für eine „digitale Infrastruktur des öffentlichen Diskurses“, die von unabhängigen, nicht-kommerziellen Trägern betrieben werde – ähnlich wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland. „Wir brauchen digitale Räume, in denen deliberative Demokratie möglich ist, nicht nur Aufmerksamkeitsökonomie“, so der Nobelpreisträger.

Die zweite wichtige Implikation betrifft die politische Kommunikation. Acemoglu zeigt auf, dass Identitätspolitik nicht nur von rechts, sondern auch von links betrieben werde und in beiden Fällen die Spaltung vertiefe. Für die deutsche Parteienlandschaft bedeutet dies, dass eine reine Fokussierung auf kulturelle Themen – sei es die Gender-Debatte oder die Migrationsfrage – ohne eine starke wirtschaftliche und soziale Flankierung kontraproduktiv sein könne. Die jüngsten Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland und das gleichzeitige Abschneiden der Grünen in urbanen Zentren illustrieren diese Fragmentierung. Acemoglu empfiehlt stattdessen eine Politik, die „universelle öffentliche Güter“ in den Mittelpunkt stelle – etwa Bildung, Gesundheitsversorgung und digitale Teilhabe –, um die materielle Basis des Grolls zu adressieren.

**Fontes**

- Daron Acemoglu, „Identity Politics and Technological Polarization“, Journal of Economic Perspectives, Vol. 39, No. 4, 2025. - Bertelsmann Stiftung, „Jugend und politische Information in der digitalen Sphäre“, 2025. - Universität Mannheim, „Algorithmen und Polarisierung: Eine empirische Analyse deutscher Social-Media-Nutzung“, 2024. - Elizabeth Levy Paluck et al., „Reducing Hate Speech Reduces Real-World Prejudice: A Field Experiment“, Proceedings of the National Academy of Sciences, 2023. - Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), „Regionale Ungleichheit und politische Radikalisierung in Deutschland“, Wochenbericht 12/2025.

Renan Filho
Sobre o autor
Renan Filho
Editor-Chefe do FORTIS News

Editor-chefe do FORTIS News. Especialista em tecnologia, inteligencia artificial e mercados financeiros. Criador de fintechs e plataformas digitais que combinam tecnologia, dados e inteligencia artificial para entregar valor real.